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Das Hochbahnkraftwerk (1911 bis 1934)


Inhaltsverzeichnis
Hamburger
U-Bahn

Für die damals neue Hochbahn musste ein neues Kraftwerk errichtet werden, denn das öffentliche elektrische Versorgungsnetz der Hamburgischen Electricitätswerke (HEW) war für so etwas nicht eingerichtet gewesen.

Anfang 1909 wurde der Vertrag über die Betriebskonzession zwischen dem Hamburger Staat und den beiden Bauträgern unterzeichnet.

Für den Betrieb wurde am 27.05.1911 die private „Hochbahn Aktiengesellschaft“ (HHA) gegründet. Im Gesellschaftsvertrag steht: „Die Betriebsgesellschaft hat für ihre Rechnung zu beschaffen: Betriebsmittel, elektrische Leitungsanschlüsse der elektrischen Schienenverbindungen, Gebäude und Einrichtungen der Werkstätten und Betriebsbahnhöfe einschließlich Gleise, Zugsicherungs-, Signal- und Fernsprechanlagen, Einrichtungen zur Sicherung der Fahrgäste bei Feuers- und anderen Gefahren, sämtlichen Beleuchtungsanlagen für die Bahnen mit Ausnahme derjenigen für die Haltestellen, sowie die sonstige bewegliche und unbewegliche Betriebsausrüstung, insbesondere die Fahrkartenschalter, die Bahnsteigsperren, Möbel und dergl., endlich auch die Kraftwerke einschließlich Umformerwerke.“

Man hatte sich für einen Standort unmittelbar neben der zukünftigen Betriebsbahnhof neben dem Barmbeker Stichkanal entschieden. Hier bestand die Möglichkeit eines Gleisanschlusses an den Güterbahnhof Barmbek. Außerdem konnte die benötigte Kohle mit Schuten auf dem Wasserwege angeliefert werden. Und auch das für den Betrieb der Dampfturbinen benötigte Kühlwassser ließ sich über den Barmbeker Stichkanal be- und entsorgen. Der Pachtvertrag für das Grundstück wurde im Frühjahr 1910 unterzeichnet. Im gleichen Jahr begann der Bau.

Die Architekten Schaudt und Puritz entwarfen zwei nebeneinander stehende Hallen: Das Kesselhaus (54 * 39 m) und das Maschinenhaus (54 * 26 m).

Zur gleichen Zeit entstand in der Nähe der Hamburger Stadtpark. Die Architekten achteten deshalb auf eine ansprechende Gestaltung der Fassade und der beiden Schornsteine. Jeder der beiden 80 m hohen Schornsteine wurde im unteren Teil mit 13 m hohen Halbsäulen geschmückt. Das Mauerwerk der Fassaden wurde „durch reiche Gliederung und Verblendung mit Handstrichsteinverzierungen wirkungsvoll belebt“. Der Bau und die Installation der Maschinen erfolgten sehr schnell. Am 2.10.1911 wurden die Gleise zwischen Barmbek und Kellinghusenstraße erstmalig mit Strom aus dem neuen Kraftwerk versorgt.[27, Seite 100]

Die Dampfturbinen der Erstausstattung und die Dampfturbinen für die späteren Erweiterungen lieferte die AEG. Die beiden Schornsteine standen innerhalb des Kesselhauses. Sie waren 80 m hoch, und hatten oben 4 m lichten Durchmesser.

Der Barmbeker Stichkanal war 1910 fertiggestellt. Das kalte Kühlwasser wurde aus ihm entnommen. Allerdings bewegte sich das Wasser im Stichkanal so gut wie nicht. Deshalb musste das verbrauchte warme Kühlwasser mittels eines 300 m langen Dükers in den Osterbekkanal geleitet werden.

Die Kohle wurde über den Stichkanal mit Schuten und über das vom Güterbahnhof Barmbek der (Preußischen) Staatsbahn kommende Anschlussgleis mit Bahnwagons angeliefert. Eine auf Kranschienen verfahrbare elektrisch angetriebene Verladebrücke von 55 m Stützweite trug eine 82,5 m lange Katzenlaufbahn. Sie entlud die Schuten und bediente den Kohlelagerplatz. Ihr Greifer fasste 2 m³. Der Kohlelagerplatz hatte ein Fassungsvermögen ausreichend für ein Vierteljahr.

Unter dem Lagerplatz befanden sich zwei unterirdische Kohleförderungstunnel. Die auf dem Lagerplatz angehäuften Kohlen konnten durch Klappen in einen der beiden unterirdischen Kohleförderungskanäle rutschen. Sie wurden von dort aus stetig zum Kesselhaus befördert. Mittels eines Becherwerkes wurden dann die auf Haselnußgröße zerkleinerten Kohlen kontinuierlich den Kettenrosten zugeführt. Sie wurden automatisch langsam in die Feuerung gebracht, entgast und dann verbrannt. Die Zuführungsanlage schaffte stündlich 20 t Kohle.

Im Kesselhaus war Platz für acht Kessel vorgesehen. Anfänglich wurden fünf Kessel aufgestellt. Sie versorgten zwei Dampfturbinen zu jeweils 2 MW und eine Dampfturbine zu 4 MW Leistung. Die Kessel lieferten Dampf von 300 C bei 15  bar Überdruck.[27, Seite 102]

Mit der Ausweitung des Hochbahnbetriebs musste auch das Kraftwerk erweitert werden. 1914 oder 1915 kam eine vierte Turbine mit 6 MW hinzu. Erst zu dieser Zeit war der zweite Schornstein hochgezogen. Mit den HEW wurde 1915 ein Vertrag über die gegenseitige Stromlieferung bei Störungen oder zusätzlichem Bedarf abgeschlossen. Dafür wurde im Hochbahnkraftwerk eine 6 kV Schaltanlage eingerichtet.

Die Walddörferbahn wurde am 6.9.1920 zunächst eingleisig zwischen Barmbek und Volksdorf eröffnet. Der Strommehrbedarf konnte vom Hochbahnkraftwerk gedeckt werden. Die HHA und die HEW hatten 1920 vereinbart, dass die HEW gegen Gewährung von 770 Vorzugsaktien der Kleinbahn Altrahlstedt Volksdorf AG in Volksdorf ein an das HEW-Hochspannungsnetz angeschlossenes Unterwerk bauen sollten. Die HHA verzichtete auf das Recht, Strom für die Walddörferbahn und die Kleinbahn aus ihrem Hochbahnkraftwerk zu liefern. Das HEW-Unterwerk wurde am 5.10.1921 angeschlossen.

Ab 1922 bis 1928 wurde die Kapazität des Hochbahnkraftwerkes erweitert. 1926 wurde eine 2 MW Turbinenanlage durch eine 10 MW-Anlage ersetzt. Somit konnte das Kraftwerk 22 MW liefern. 1927 ersetzte eine weitere 10 MW-Turbine die noch vorhandene 2 MW-Turbine. Somit konnte das Kraftwerk 30 MB liefern. Damit war der Ausbau des Kraftwerks beendet.

Im Jahre 1923 betrug die Gesamtmaschinenleistung des Kraftwerks 13900 kW. Für die Erzeugung von 1 kWh wurden 1,14 kg Kohle verbraucht. Deren Heizwert ist mit 6360 kcal/kg angegeben.[46, Seite 21] Daraus errechnet sich für das Kraftwerk ein Gesamtwirkungsgrad von 11,85%.

Das Hochbahnkraftwerk lieferte Heizleistung auch für den Betriebsbahnhof Barmbek. Die Heizung wurde so benutzt, dass folgende Innentemperaturen nicht überschritten werden durften:

  • 10° C für die Wagenhallen,
  • 12 bis 15° C für Werkstatt und Lager,
  • 20° C für die Büroräume.

Für die Auszahlung der Jahresdividende 1933 fehlte der HHA das Geld. Anleiheverhandlungen führten zu keinem befriedigenden Ergebnis. Die HHA verkaufte ihr Kraftwerk per 31.12.1934 an die HEW. Der in Raten bis Ende 1937 zu zahlende Kaufpreis betrug 5,752 Mio RM.

Aus dem HHA-Geschäftsbericht 1934:
Eine außerordentliche Generalversammlung am 24.September genehmigte den Verkauf unseres Kraftwerks in Barmbeck an die Hamburgische Electricitäts-Werke Aktiengesellschaft und den Abschluss von Stromlieferungsverträgen mit dieser Gesellschaft für den Hoch- und Straßenbahnbetrieb. Das Kraftwerk ist am 31.Dezember in das Eigentum der H.E.W. übergegangen. Als Kaufpreis gilt der Buchwert von RM. 5752000.-. Der Verkauf erfolgte auf Anregung des Hamburgischen Staates, um die Stromerzeugung im Interesse des Gemeinwohls auf eine höchstmögliche Wirtschaftlichkeit zu bringen. Für unsere Gesellschaft entfallen nach Abgabe des Kraftwerkes die Kapitalaufwendungen, die in einigen Jahren erforderlich geworden wären, um das schon ältere Kraftwerk den wachsenden Ansprüchen der Zeit anzupassen.

Die HEW betrieben das Kraftwerk zunächst noch ungefähr ein Jahr weiter. Dann wurden die beiden Schornsteine abgebrochen. Die beiden modernsten Babcock-Kessel wurden 1937 in das HEW-Kraftwerk Karoline in Hamburg-St. Pauli eingebaut. („Karoline“ wurde 1989 stillgelegt).

Auf dem Gelände der U-Bahn-Hauptwerkstatt Barmbek ist das Kesselhaus noch vorhanden. In ihm sind Werkstätten und Büroräume untergebracht.

Bild: Betriebsbahnhof Barmbeck der Hamburger Hochbahn, Oktober 1915
Dies Foto findet sich in mehreren Büchern und Broschüren über die Hamburger Hochbahn. Als Quelle wird ziemlich lapidar „HHA“ genannt. Glücklicherweise gab die HHA den Jahreskalender „75 Jahre Hamburger Hochbahn AG“ für das Jahr 1987 heraus. Dessen Kalenderblatt August zeigt ebenfalls dies Foto - allerdings mit abgeschnittenen Schornsteinen. Die zugehörige Bildunterschrift datiert das Foto auf Oktober 1915.

Den linken Vordergrund des Fotos dominiert die 8-gleisige Wagenhalle 4. Rechts im Bildhintergrund ist die 8-gleisige Wagenhalle 1 und die angrenzende Hälfte der Wagenhalle 2 zu sehen. Allen gezeigten Wagenhallen ist gemeinsam, dass unter einem Dachgiebel genau 4 Gleistore untergebracht sind. Auf besseren Reproduktionen ist zu erkennen, dass die Uhr auf 11:10 steht.


Quellen: (6, 8, 23, 45,) 46, 47, 67. Die zu diesem Thema weniger ergiebigen Quellen sind in Klammern gesetzt. Fotos und Zeichnungen sind in Quellen 8 und 46 enthalten. Quelle 67 beinhaltet eine gute textliche Zusammenfassung.

Letztes Update: 11.10.2013