Die Sambawagen
1911 wurde die Hamburger Hochbahn AG (HHA) gegründet. Sie betreibt seit 1912 die Hamburger U-Bahn und übernahm 1918/1919 die „Straßen-Eisenbahn-Gesellschaft in Hamburg“ (SEG). 1923 wurde die "Hamburg-Altonaer Zentralbahn" (HAC)
übernommen, und letztendlich 1924 die „Elektrische Kleinbahn Altrahlstedt - Volksdorf - Wohldorf“ (EKV).
Von 1940 bis 1941 wurden drei Versuchstriebwagen von verschiedenen Wagonfabriken geliefert Sie erhielten die Typenbezeichnung V4:
Nr. 3069, Waggonfabrik Uerdingen, Inbetriebnahme 10.4.1940
Nr. 3068, Credé, Inbetriebnahme 13.4.1940
Nr. 3067, Westwaggon, Inbetriebnahme 18.10.1941
Der Triebwagen 3069 wurde bereits 1938 auf der Wagenschau in Düsseldorf mit zwei Lyrabügeln auf dem Dach gezeigt. Es sah fast so aus wie ein Sambawagen, war aber nicht so kantig und hatte zwei Lyrabügel. Alle diese drei Triebwagen befanden sich
Ende Juli 1943 zur Wartung in der Hauptwerkstatt Falkenried und überstanden die Luftangriffe der „Feuersturms“ nicht.
Bereits Ende 1938, also vor Inbetriebnahme der V4-Versuchstriebwagen, hatte die HHA eine Serie aus 15 Trieb- und 10 Beiwagen bei der Waggonfabrik Uerdingen bestellt. Der Auftrag wurde später auf 21 Trieb- und 14 Beiwagen aufgestockt. Die
V5-Triebwagen waren eine Vereinfachung der V4-Triebwagen. Um Material zu sparen, wurden die V5-Triebwagen gleich als Einrichter geliefert. Auch die abgerundeten Plattformen waren beim V5 eckiger gestaltet als beim V4. Die Abrundungen verlängern das
Fahrzeug, aber nur außen und nicht innen!
Der Kriegsbeginn verzögerte die Auslieferung. Man rechnete damit, dass die Beiwagen vor den Triebwagen geliefert würden. Um die Beiwagen hinter den vorhanden Triebwagen laufen lassen zu können, verzichtete man auf die in der Planung
vorgesehene automatische Kupplung zwischen Trieb- und Beiwagen.
Die V5-Fahrzeuge entsprachen nicht den von der Reichsregierung vorgeschriebenen „Einheitsstraßenbahnwagen“. Der HHA-Vorstand hatte die Einheitsstraßenbahnwagen als für Hamburg ungeeignet bezeichnet. Auch der vorgeschriebene
Bügelstromabnehmer file durch, denn der Rollenstromabnehmer verursacht weniger Funken an der Fahrleitung.[47,Seite 98 und 99] Somit lockt eine
Straßenbahn mit Rollenstromabnehmer nachts weniger feindliche Flugzeuge an als eine Straßenbahn mit Bügelstromabnehmer.
Die 14 Beiwagen V5B trafen im Zeitraum 26. August 1941 bis November 1941 ein. 4 Stück davon wurden im Bombenhagel Ende Juli 1943 zerstört.
Die 21 Triebwagen V5T wurden zwischen dem 5.4.1943 und dem 19.7.1943 geliefert. Davon wurden Ende Juli im gleichen Jahr 10 Stück zerstört.
Alle V5-Fahrzeuge wurden ab Herbst 1968 abgestellt und bis März 1969 ausgemustert. Ein einzige Beiwagen V5B existiert noch, und zwar beim VVM Schönberger Strand.
Die äußerlich nur wenig veränderte Weiterentwicklung der V5-Züge wurde am 1. oder 5.Oktober 1949 als Probezug für die V6-Baureihe in Dienst gestellt. Der Probetriebwagen Nr. 3061 erhielt 1958 die Nr. 3090, wurde als Nr. 3598 zum V6E umgebaut und
1973 ausgemustert. Der Probebeiwagen Nr. 1331 erhielt 1958 die neue Nr. 4090 und wurde 1966/67 ausgemustert.
Vom V5 zum V6
Bei den Straßenbahnwagen mit Pendelschaffner suchen sich zugestiegenen Fahrgäste sofort nach dem Einsteigen ihren Platz im Wagen. Der Schaffner geht bzw. „pendelt“ durch den Wagen und versucht die neu eingestiegenen Fahrgäste zu
identifizieren, um das Fahrgeld zu kassieren.
Die Erfahrungen mit den Großraumwagen V5 zeigten, dass bei gut besetzten Wagen die Schaffner dazu nicht immer in der Lage waren. Einige Fahrgäste konnten so das Fahrgeld sparen ...
Im Ausland hatte man Erfahrungen mit dem „Fahrgastfluss“ gemacht. Hier konnten die Fahrgäste nur an einer einzigen Tür einsteigen. Sie sammelten sich in einem Vorraum vor der Kasse. Um in den Fahrgastbereich zu gelangen, mussten sie
an Schaffnersitz mit der Kasse vorbei. Nach beendeter Fahrt verließen sie den Wagen durch Türen, die nur zum Aussteigen freigegeben waren.
Der Schaffnersitz zwischen Vorraum und Fahrgastraum ist der Hauptunterschied zwischen V5 und V6. Weitere Unterschiede sind in der folgenden Tabelle aufgeführt.
| |
V5 |
V6 |
| Schiebetüren |
hintere: Ein- und Ausstieg
vordere: Ein- und Ausstieg |
hintere: Einstieg
mittlere: Ausstieg
vordere: Ausstieg |
| Türschließung |
von Hand |
elektrisch |
| Fahrkartenverkauf |
Pendelschaffner im Wagen |
Schaffner am Zahltisch im Wagen |
| Sitzplätze |
gepolstert mit Plüschbezug, später Kunstleder |
harte Schalensitze aus formverleimten Sperrholz (Durofol) |
| Kupplung zwischen Trieb- und Beiwagen |
Bolzenkupplung, zusätzlich elektrische Kabelverbindung |
Scharfenbergkupplung, elektrische Verbindung über die Kupplung |
| Beiwagen gebaut als |
Zweirichter |
Einrichter |
| Motorleistung |
4 * 45 kW |
4 * 50 kW |
Davon abgesehen, wurde die V6-Baureihe von 1951 bis 1953 gefertigt. Die Züge der V6-Baureihe wurden Sambawagen genannt, denn der große Aufnahmebereich vor dem Schaffnersitz erinnerte an eine Tanzfläche, und der
Sambatanz war seinerzeit in Mode. Ähnliche Straßenbahnwagen in ganz Deutschland wurden so genannt. Die Hamburger Hochbahn Aktiengesellschaft als Betreiber auch der Straßenbahn in Hamburg gilt als diejenige Gesellschaft, die nach dem zweiten
Weltkrieg in Deutschland als erste den Betrieb von vierachsigen Großraumwagen mit Fahrgastfluss eingeführt hatte.
Noch eine zweite Herkunft der Bezeichnung "Sambawagen" wird genannt. Die Wagen hatten eine hohe Anfahrbeschleunigung und gute Bremsen. Die Fahrgäste, die nicht saßen und sich nicht festhalten konnten -z.B. weil sie gerade zahlten oder sich auf
dem Weg nach vorne befanden- machten Ausfallschritte, um nicht zu fallen.
Der Schaffner brauchte sich nicht mehr mit seiner i Schaffnertasche und dem daran angebrachten Galoppwechsler durch die Fahrgäste
zu zwängen und auf die Ehrlichkeit der Fahrgäste zu hoffen, sondern er saß hinten an der Kasse, an der jeder Fahrgast vorbei musste, um vom Aufnahmebereich zu den Plätzen im vorderen Wagenteil zu gelangen. Ein weitere Vorteil war, dass sich die ein-
und aussteigenden Fahrgäste nicht mehr gegenseitig behinderten, da sie getrennte Türen benutzen mussten.
Ein Straßenbahnzug mit Trieb- und Beiwagen hatte 3 Personen Personal: einen Fahrer und zwei Schaffner. Aber die Busse kamen mit nur einem Fahrer aus. So kam man 1964 auf die Idee, dass man den Schaffner im Triebwagen einsparen kann, wenn der
Fahrer (der beim Halt an der Haltestelle nichts Besseres zu tun hat) Fahrkarten verkauft. In den schaffnerlosen Triebwagen wurde deutlich sichtbar unter der Decke folgender i Hinweis angebracht: Fahrgäste ohne gültigen Fahrtausweis werden gebeten, beim Fahrer zu zahlen.
Das Nachfolgemodell des V6 war der V7. Die Verbesserungen waren: gummigefederte Räder, breite Falttüren (der V6 hatte Schiebetüren), die Fenster des Fahrgastraums konnten geöffnet werden und der Fahrer konnte aus seiner geschlossenen Kabine die
Weichen elektrisch verstellen (vorher ging es nur mit einer Handstange, wie sie beim nachfolgenden Foto am Fahrerhaus deutlich zu erkennen ist). Der Aufbau des Beiwagens V7B bestand aus Aluminiumblech (statt Stahlblech).
Die Einführung des schaffnerlosen Straßenbahnbetriebs in Hamburg
Im Mai 1964 kam der V7-Triebwagen 3225 und der V7-Beiwagen 4434 in den „schaffnerlosen Beiwagenbetrieb“. Der Beiwagen dieses Versuchszuges fuhr ohne Schaffner. Im Triebwagen saßen weiterhin Fahrer und Schaffner.
Zum Öffnen der Türen des Beiwagens durch die Fahrgäste waren Druckknöpfe angebracht. Die Trittstufen waren mit Kontakten ausgerüstet worden. Die Kontakte veranlassten, das etwa 4 Sekunden nach Entlastung der Trittstufe die Tür motorisch
geschlossen wurde.
Mit dem schaffnerlosen Beiwagenbetrieb konnte man die Besatzung des Zuges von einem Fahrer, einem Triebwagenschaffner und einem Beiwagenschaffner um den Beiwagenschaffner reduzieren. Allerdings waren außerhalb der Hauptverkehrszeit häufig die
Triebwagen ohne Beiwagen unterwegs - dann gab es keine Personaleinsparung.
So kam man auf die Idee, den Schaffner im Triebwagen einzusparen und den Beiwagen weiterhin mit Schaffner verkehren zu lassen. Eine der erforderlichen Umbauten der Triebwagen betraf den Fahrersitz. Er wurde drehbar gestaltet, damit sich der
Fahrer beim Kassieren dem Fahrgast zuwenden konnte.
Der Umbau aller 91 V7-Triebwagen zum V7E für den schaffnerlosen Einmannbetrieb war 1965 erfolgt. Der Umbau der V6-Triebwagen zum V6E für den schaffnerlosen Einmannbetrieb begann 1966 und zog sich bis April 1969 hin. Die V6-Triebwagen erhielten
bei dieser Gelegenheit neue Falttüren. Vorher hatten sie Schiebetüren.
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