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Bildhauer Richard Kuöhl,
(Biografie, Literatur, Quellen)


Die Rheingau-Schule in
Berlin- Friedenau

Auswahl-
seite
Kuöhl
Bei meiner Beschäftigung mit dem  i Ohlsdorfer Friedhof hat mich unter den vielen Bildhauern, deren Werke dort vertreten sind, am meisten Richard Kuöhl fasziniert. Seine Werke sind an vielen weiteren Stellen in Hamburg zu finden. Ich habe einige hier zusammengestellt. Die Erfolge einer Kooperation zwischen Architekt und Bildhauer können am Beispiel Fritz Schumacher und Richard Kuöhl veranschaulicht werden.

Schaut man in der Auswahlseite auf die Jahreszahlen, so kann man die wirtschaftlichen Verhältnisse zwischen den beiden Weltkriegen erahnen. Nach dem Ende der ersten Inflation - sie dauerte von 1919 bis 1923 und wurde durch Einführung der Rentenmark beendet - begann ein kurzer Aufschwung. Er hielt bis zur Weltwirtschaftskrise (1929-1933) an. Ab 1933 bis zum Beginn der Zweiten Weltkriegs ging es in Deutschland wirtschaftlich wieder aufwärts.

Richard Emil Kuöhl (*31.5.1880; †19.5.1961) wird als „Architekturplastiker“ bezeichnet. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und verlor früh seine Vater.[226, Stichwort Richard Kuöhl]

Nach einer handwerklichen Ausbildung als Kunsttöpfer in der Keramischen Modellfabrik Meißen (1896-1900) und Tätigkeit als Angestellter (bis 1902) in seiner Geburtsstadt Meißen in Sachsen studierte er von 1902 bis 1905 an der Dresdner Kunstgewerbeschule in der Klasse des angewandten Bildhauers Professor Karl Groß. In einem Zeitschriftenartikel von Karl Groß ist auch die älteste mir bekannte Falschschreibung des Nachnamens als „Knöhl“ veröffentlicht worden. Das geschah 1903. Die betreffende Stelle ist in der Bildlegende links unten auf Seite 146 (im Link) zu bewundern: „BRUNNENSKIZZE FÜR STEINZEUG VON KNÖHL“. Der falsch geschrieben Nachname erscheint mehrfach in der Zeitschrift. Auch findet man den Suchbegriff „Richard Knöhl“ mehrfach im Internet - im Zusammenhang mit Keramik und Bildhauerei ist dann häufig „Richard Kuöhl“ gemeint.

1906 war er leitender Modelleur an der bauchemischen Versuchsanstalt Dr. Julius Bidtel in Meißen (Bidtelia Glasuren und Farben, wetterbeständige Glasuren für Baukeramik). Hier machte er sich mit modernen Methoden der Tonbearbeitung vertraut und experimentierte mit großformatigen farbig glasierten Terrakotten. Er fertigte kunstgewerblichen Schmuck und Holzspielzeug. Sein Holzspielzeug brachte ihm 1906 eine Silbermedaille bei der Dresdner Kunstgewerbeausstellung (Leiter Fritz Schumacher).

Bereits 1906 zog er nach Berlin.[209, Nachwort Seite III] Für die Firma Otto Schulz entwarf er Bronzegegenstände, für Richard Munz Keramiken. Anschließend erwarb er einen guten Ruf durch seine Mitarbeit bei Architekten und Bildhauern, u.a. bei Hugo Lederer.

1912 zog er nach Hamburg. Hier hatte Fritz Schumacher eine Wiederbelebung des Backsteinbaus durchgesetzt, und dazu passt Baukeramik ausgezeichnet. Schumacher maß der Architekturplastik eine besondere Bedeutung zu. Kuöhl führte in Zusammenarbeit mit verschiedenen Manufakturen einen Großteil des Bauschmucks an Schumachers Staatsbauten aus. Sein Werke werden als „stets figürlich und volkstümlich-gefällig“ bezeichnet.

Eine entgegengesetzte Seite seines Werkes sind an die 50 Krieger-Denkmäler, die auf ihn zurückgehen.

Laut einem Zeitungsartikel (Brigitte Judex-Wenzel, Lübecker Nachrichten vom 21.5.2002) kaufte er 1933 die „Rohlfshagener Butz“ als Landsitz.

In Hamburg bezog er 1927 ein großzügiges Atelierhaus (Architekten Dyrssen & Averhoff) mit Ausstellungssalon und eigenem Brennofen in Hamburg-Uhlenhorst (im jetzigen Hans-Henny-Jahnn-Weg). Die Werkstatt wurde im Juli 1943 durch Bomben vollständig zerstört. Der 63-Jährige zog daraufhin auf seinen Landsitz um. Dort verstarb er am 19.Mai 1961 wenige Tage vor seinem 81. Geburtstag.

Erst am 8.3.1938 erhielt Richard Kuöhl die „Anleitungsbefugnis für die Kunsttöpferei“ und damit die Berechtigung zur Ausbildung von Lehrlingen. Extra, um sie zu erlangen, hatte er in der Wesselyschen Fabrik (Falkenried 3 bis 5 im Hamburger Stadtteil Hoheluft-Ost) einen Kachelofen entworfen und gebaut. Siehe dazu Hartwig Fiege: Die Keramikerfamilie Wessely.

2002 wurden auf dem Boden eines Wagenschuppens von Mitarbeitern des Dorfmuseums Hoisdorf, offiziell Stormarnsches Dorfmuseum, Gips-Mutterformen aus dem Nachlass einer Tochter von Kuöhl, die vor vielen Jahren in Hoisdorf gewohnt hatte, gefunden: unter anderen für ein Eichhörnchen, für Enten und für verzierte Säulen. Die Exponate sind dort in einem kleinen „Kuöhl-Bereich“ ausgestellt (Stand: 30.9.2003). Für mich besonders interessant war dabei ein Bild des Künstlers- so kann man sich den Menschen ein wenig vorstellen!


Man fragt sich, wie ein einziger Mensch ein so umfangreiches kunstgewerbliches Lebenswerk erschaffen konnte. Kuöhl hat vielfach nur die Entwürfe oder Tonmodelle gefertigt und die Ausführung an geeignete Werkstätten vergeben bzw. mit diesen zusammengearbeitet.

Wohl nicht immer waren er und seine Werke geschätzt. Als Beispiel hierzu das Angebot einer Antiquariatsbuchhandlung, das ich im Juli 2003 fand:

Appel, Heinrich: Plastik am Bau. Aus dreieinhalb Jahrtausenden europäischer Baukunst. Mit 204 [recte: 194] Bildtafeln. Berlin, Wasmuth (1944) [ca. 1946]. 4°. XXIX, (3) S., 194 Taf. Orig.-Halbleinen.

Das Werk liegt hier in einer zensierten (entnazifizierten) Nachkriegsausgabe vor. Es fehlen die Tafeln 195-204 (das hintere Vorsatzblatt mit der Druckgenehmigung der frz. Zone schließt unmittelbar an die Tafel 194 an) mit den Werken von Arno Breker, Richard Kuöhl, Will Meller, Arnold Waldschmidt und Adolf Wamper. Die Namen dieser Bildhauer sowie die Verweise auf die entfernten Tafeln sind im Register geschwärzt.

Richard Kuöhl, Werksauswahl (11.4.2004)
Kuöhl arbeitete in der 1920er und 1930er Jahren mit fast industriellem Ausstoß von Skulpturen in Stein, Keramik und Reliefs in Terrakotta.
 i (Exkurs: Begriffe Expressionismus, Keramik, Klinker, Terrakotta). Kuöhl entwickelte eine wetterfeste Baukeramik, die sogenannte Klinkerkeramik. Seine Arbeiten schmücken viele Hamburger Bauten: die Krugkoppelbrücke und die benachbarten Brücken Fernsichtbrücke und Bellevuebrücke, das Chilehaus, das Pressehaus, die Finanzbehörde am Gänsemarkt, die Davidwache, die Stadthallenbrücke im Stadtpark und das neue Krematorium auf dem Ohlsdorfer Friedhof.

Literatur und Quellen

  • Der Artikel Christine Behrens: „Bildhauer und Plastische Kunst auf dem Ohlsdorfer Friedhof“, erschienen in Ausgabe 73, II / 2001 von „OHLSDORF-Zeitschrift für Trauerkultur“, geht genauer auf das Werk Richard Kuöhls ein.

  • Einen Eindruck über den Umfang dieser Arbeitsteilung vermittelt der 16-seitige Anzeigenteil des katalogartigen Buches Rudolf Schmidt: Architekturplastik, Bildhauer Richard Kuöhl, Berlin/Leipzig/Wien 1929 in Verbindung mit dem Verzeichnis der Abbildungen, denn hier sind die „Ausführenden“ gesondert angegeben. Die 1998 veröffentlichte Neuausgabe dieses Buches ist eine der von mir verwendeten Quellen (Titel wie erwähnt, Berlin 1998, ISBN 3-7861-1970-8). Die Neuausgabe ist um ein 16-seitiges von Roland Jaeger verfasstes Nachwort erweitert. Das 16-seitige und bebilderte Nachwort beschäftigt sich kritisch mit Richard Kuöhls Leben und Schaffen, verweist auf etliche Werke und weiterführende Literatur.

  • Sehr nett bebildert ist die 53-seitige Ausstellungsbroschüre zur Ausstellung über Richard Kuöhl im Stadtmodell (Hamburg, Wexstraße) vom 18.4. bis 8.5.2011 unter dem Titel „Verdrängt - Verkannt – Verwittert“.

  • Foto des Künstlers in seinem Atelierhaus.

Sofern nicht anders angegeben, befinden sich die fotografierten Objekte in Hamburg.

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Letztes Update: 7.4.2013