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Zeittafel 1933

Inhaltsverzeichnis Hamburger U-Bahn

Die Hamburger Hochbahn AG:
1933 - die Ablösung an der HHA-Spitze

Die Vorgeschichte

Die HHA war am 27.5.1911 als privatwirtschaftliches Unternehmen gegründet worden ( i Gründung der HHA 1911). Am 3.7.1918 wurde sie in ein gemischtwirtschaftliches halbstaatliches Unternehmen umgewandelt ( i Verleihungsurkunde). Die HHA erhielt Berechtigungen zur Übernahme von Verkehrsunternehmen im Gebiet des Hamburgischen Staates. In der Folge sog sie sämtliche Straßenbahnunternehmen und die Alsterschifffahrt in sich auf.

Dem hamburgischen Staate gehörten ab dem 3.7.1918 etwa die Hälfte der HHA-Aktien, aber sein Anteil stieg im Laufe der Jahre. Bezahlt hatte er die Aktien, indem er den Bahnkörper der Hoch- und Untergrundbahn und später die Straßenbahngleise in die Gesellschaft einbrachte. Der Staat erhielt dafür B-Aktien und B-Vorzugsaktien. Die privaten Anlegte besaßen lediglich A-Aktien. Die B-Vorzugsaktien hatten 5-faches Stimmrecht.[22] Dies ermöglichte dem hamburgischen Staat, bei den betrieblichen Entscheidungen zum öffentlichen Personennahverkehr das „Wohl der Allgemeinheit” durchzusetzen.

Aber daraus wurde nichts. Die politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen passten nicht. Hinzu kam ein Interessenkonflikt: Für die Fahrgäste wäre ein gutes Verkehrsangebot bei niedrigen Fahrpreisen wünschenswert. Für den Staatshaushalt wäre eine gute Ertragslage wünschenswert. Hinzu kam, dass man den privaten Aktionären eine Dividende von 5% garantiert hatte. Für den Fall, dass die HHA diese Dividende nicht erwirtschaftet, musste der hamburgische Staat für die garantierte Dividende einspringen.

Bild: Verkehrsaufkommen Personennahverkehr Hamburg 1912 bis 1940
blau: Alsterschiffe, grün: Busse, rot: Straßenbahn, gelb: U-Bahn
1924 stieg der Verkehr auf allen Nahverkehrsmitteln sprunghaft an. In jenem Jahr wurde wertbeständiges Geld eingeführt und die Hyperinflation beendet. Dies ermöglichte die Aufnahme von Wiederherstellungsarbeiten an abgenutzten Bahnanlagen. Auch die übrige deutsche Wirtschaft zog an.

In der Aufsichtsratsitzung vom 28.7.1924 legte der HHA-Vorstand einen Generalplan für ein erweitertes Hoch- und Straßenbahnnetz vor.[47,Seite 46] Hierzu gehörte u.a. der Bau der U-Bahnstrecke Kellinghusenstraße - Jungfernstieg.

Zur Finanzierung wurde Ende Mai 1925 eine Fahrpreiserhöhung eingeführt. Beispielsweise erhöhten sich die Preise für Einzelfahrkarten um jeweils 5 Pfennig auf 15, 20, 25 und 30 Pfg.[47,Seite 47] Eine weitere Fahrpreiserhöhung folgte Ende Oktober 1929.

Ebenfalls 1929 wurde die Weltwirtschaftskrise ausgelöst. Sie wurde erst im Laufe des Jahres 1933 überwunden - erst ab dann ging es mit der Wirtschaft wieder aufwärts. Die durch die Weltwirtschaftskrise hervorgerufene Arbeitslosigkeit bewirkte einen Rückgang der jährlichen Beförderungsfälle:

Jahr Beförderungsfälle (Mio) Einnahmen (Mio RM)
1930 307 67,8
1933 191 37,6
Die HHA bemühte sich, in der Zwischenkriegszeit die garantierte Dividende zu erwirtschaften. Dies versuchte sie auch in den Jahren mit sinkendem Verkehrsaufkommen. Dazu verteuerte sie die Fahrausweise und reduzierte das Verkehrsangebot. Als Folge wurde die HHA Anfang der 1930er zum bestgehassten Unternehmen Hamburgs. 1912 war die Bevölkerung von der neuen Hochbahn begeistert. Von der Begeisterung war 1930 nichts mehr übrig!

Die Hamburger Presse schoss sich auf die HHA ein und sparte nicht an Kritik.

„Hamburger Nachrichten”, 5.10.1932
Die stillgelegte Alsterdampfer-Linie
Die Politik, Verkehrsmittel auf sich nicht rentierenden Strecken eingehen zu lassen, setzt die Hochbahndirektion unbeirrt fort; die einzige Begründung ist der Hinweis auf die Unrentabilität. ...
„Hamburger Nachrichten”, 9.10.1932
Die Hamburger Hochbahn im Fehlerkreis
... Wenn nun aber die Direktion auch nur den einen Teil der Aufgabe: die Herauswirtschaftung von Überschüssen und Dividenden ins Auge fasst, so kann sie doch nicht auf Kundenwerbung verzichten. Und dass sie statt der Kundenwerbung Kundenverärgerung und Kundenverscheuchung betreibt, ist ihr Fehler.
Auch gegenüber ihren Mitarbeitern war die HHA nicht freundlich. Sie reduzierte 1931 ihre Mitarbeiteranzahl um 1266 und begann das Jahr 1932 mit nur noch 8846 Mitarbeitern. Somit wurden 1931 12,5% der Mitarbeiter abgebaut. Zum 1.10.1932 sollten die Löhne und Gehälter um 5% gekürzt werden. Außerdem war vorgesehen, zum 1.11.1932 die wöchentliche Arbeitszeit um 3 Stunden kürzen zu können. Beide Maßnahmen zusammen hätten für die Mitarbeiter einen Einkommensverlust von 11% bedeutet. Dies führte zu einem viertägigen Streik ab dem 1.10.1932. Der mit „Die Hamburger Hochbahn im Fehlerkreis” überschriebene Kommentarauszug im blauen Kasten stammt aus einem Zeitungsartikel über den Streik.
Aus dem HHA-Geschäftsbericht 1932:
... Mit Rücksicht auf die gesunkenen Lebenshaltungskosten sind wir im Herbst des Berichtsjahres in Verhandlungen mit unserem Personal über eine weitere Lohnherabsetzung eingetreten. Die Lohnverhandlungen haben zu einem Schiedsspruch des Schlichters Nordmark geführt, der vom 1.Oktober an eine Lohnsenkung von 5% festsetzte, und außerdem zur Vermeidung von Entlassungen bestimmte, dass die Arbeitszeit vom 1.November an auf 45 Stunden wöchentlich verkürzt werden könne.

Diesen Schiedsspruch hat das Personal nicht angenommen und ist am 1.Oktober in den Streik getreten. Am 4.Oktober hat der Reichsarbeitsminister den Schiedsspruch für verbindlich erklärt; die Arbeit ist am 5.Oktober wieder aufgenommen worden.

Das Jahr 1933

Adolf Hitler wurde am 30.1.1933 durch den Reichspräsidenten v. Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Hitler bat um neue Reichstagswahlen. Die fanden am 5.3.1933 statt. Seine NSDAP erhielt 43,9% der Stimmen. Der neue Reichstag verabschiedete das Ermächtigungsgesetz „zur Behebung der Not in Volk und Reich”.

Besonders schnell war der NS-Gauleiter für Hamburg, Karl Kaufmann. Nachdem der hamburgische Senat bereits zwei Tage vor der Reichstagswahl zurückgetreten war, besetzte er mit Hilfe einiger Gruppen aus SA- und SS-Leuten am Wahltag das Hamburger Rathaus und ließ dort die Hakenkreuzflagge flattern. Am 8.3.1933 übernahm die NSDAP gemeinsam mit anderen Mitte-Rechts-Parteien die Hamburger Regierung. Am 9.3. war ein neuer Senat gewählt. Die Bürgerschaft wurde nach dem Stimmergebnis der Reichstagswahl umgestellt und den Abgeordneten der Kommunisten wurde die Teilnahme an den Sitzungen untersagt. Bis zum 28.5.1933 waren auch die letzten bürgerlichen Senatoren zu Mitgliedern der NSDAP geworden. Im Juli 1933 wurden alle politischen Parteien mit Ausnahme der NSDAP und der SPD aufgelöst. Die SPD konnte man nicht auflösen, denn sie hatte sich bereits am 22.5.1933 selbst aufgelöst.

Fast alle Hamburger Tageszeitungen wurden eingestellt. Der „Anzeiger” und das „Fremdenblatt” wurden vom NS-Zentralverlag übernommen; das „Tageblatt” konnte unverändert weiter bestehen.

Auch in der Geschäftsleitung der HHA gab es Änderungen. Ein Mitglied der Bürgerschaft und der NSDAP, der Kaufmann Friedrich Wilhelm Nicolaus Stanik (*11.4.1898 in Borkum; †25.2.1964 in Hamburg) wurde zum 10.4.1933 mit der vorläufigen Wahrnehmung der Geschäfte der HHA beauftragt. Die Vorstandsmitglieder Dr. Ing.e.h. Stein, Dr. Ing. Mattersdorff und Dr. Jur. Mumssen wurden vorläufig beurlaubt.

Herr Stanik scheint seinen neuen Job mit Elan begonnen zu haben. Die Presse war des Lobes voll.

„Hamburger Fremdenblatt”, 24.4.1933
Umstellungen bei der Hochbahn A.G.
Begrüßenswerte Neuerungen. - Die Pläne des Staatskommissars Stanik.

Der Staatskommissar bei der Hamburger Hochbahn A.G:, Friedrich Stanik, M.d.B., sprach mit Pressevertretern über die grundsätzliche Umstellung dieses Unternehmens und gab interessante Einzelheiten über technische Änderungen bekannt.

Aus einem reinen Erwerbsunternehmen wird die Hochbahn in ein Unternehmen umgebaut, das ausschließlich im Dienst der Öffentlichkeit stehen soll.


Es folgt eine Aufzählung von Verkehrsverbesserungen sowie zur Einführung verbilligter Fahrkarten für Erwerbslose. Außerdem sollen Fahrscheine eingeführt werden, die die Mitnahme von Tieren ermöglichen. All diese Verbesserungen sollen innerhalb weniger Wochen in Kraft treten. Der letzte Absatz des Artikels lautet:

Die vom Staatskommissar Stanik angekündigten Neuerungen werden bei der gesamten hamburgischen Bevölkerung ein freudiges Echo finden. Sie gewinnt die Überzeugung, dass die neue Leitung des Hochbahn A.G. ernstlich von dem Willen getragen wird, Rücksicht auf die vielfachen Wünsche aus allen Kreisen der Bevölkerung zu nehmen, und dass sie zu deren Erfüllung bereit ist, auch einmal etwas zu riskieren.

Die Generalversammlung am 19.5.1933 hatte zum Ergebnis, das Friedrich Stanik neuer Vorstandsvorsitzender der HHA wurde. Der Vorstand wurde von 4 Direktoren auf 3 Direktoren verkleinert. Noch deutlicher wurde der Aufsichtsrat im Laufe des Geschäftsjahres verkleinert. Er schrumpfte von angeblich 30 (ich habe nur 24 Mitglieder nachvollziehen können) auf 12 Aufsichtsratsmitglieder. Bis auf einen einzigen waren alle 12 Mitglieder des verkleinerten Aufsichtsrats nicht im vorherigen Aufsichtsrat gewesen. Im Laufe des Jahres wurde 260 Mitarbeiter aus politischen oder rassistischen Gründen gekündigt. Trotzdem stieg die Mitarbeiterzahl von 8638 am 31.12.1932 auf 9061 zum 31.12.1933. Die monatliche Abnahme der Beförderungsfälle jeweils im Vergleich zum Vorjahresmonat reduzierte sich ebenfalls. Im Monat Dezember 1933 war sogar ein leichter Anstieg um 1,8% zu verzeichnen.
„Hamburger Fremdenblatt”, 24.5.1933
Die Hochbahn im neuen Staate
... Friedrich Stanik (M.d.B.) sein Programm: Meine Aufgabe war, den Betrieb so zu reorganisieren, dass er zur Bevölkerung wieder in ein gutes Verhältnis gelangt; denn in den letzten Jahren hat es in Hamburg kaum einen Betrieb gegeben, der so unbeliebt war wie derjenige der Hochbahn. ... Wir haben die Mammutgehälter beseitigt und den Aufsichtsrat von 30 auf 12 Mitglieder reduziert. Die Tantiemen der Aufsichtsratsmitglieder werden wir streichen. ...
Die Betriebszeitschrift „Stirn und Faust” der HHA gab zum 30.1.1937 ein Sonderheft mit dem Titel „ Vier Jahre Hamburger Hochbahn Aktiengesellschaft unter nationalsozialistischer Führung” heraus. Diesem Heft ist der folgende Auszug entnommen.
Auch im Betrieb personelle Änderungen
...Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums verlangte die Ausmerzung aller staatsfeindlichen und politisch oder rassisch nicht einwandfreien Gefolgschaftsangehörigen; es gab ferner die Handhabe zu einer Umbesetzung in den einzelnen Stellen, wie es den Interessen des Betriebes entsprach. Auf diese Weise wurde der Betrieb in personeller Hinsicht auf nationalsozialistische Grundlage gestellt. Selbstverständlich sind so verschiedene unerwünschte Elemente aus dem Betriebe entfernt und dafür alte bewährte Nationalsozialisten eingestellt worden. Dass aber bei der Umstellung nach äußerst sozialen Gesichtspunkten vorgegangen wurde, beweist die Tatsache, dass eine ganze Anzahl von Gefolgschaftsmitgliedern, deren Weiterbeschäftigung nicht mehr tragbar erschien, durch Herabsetzung des Pensionsalters vor der Arbeitslosigkeit bewahrt blieb und in gesichertem Ruhestand, frei von materiellen Sorgen, leben kann.
Quellen soweit nicht ersichtlich:

Letztes Upload: 10.01.2017 um 18:21:31