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Sambawagen-
Straßenbahnen
in Hamburg

Betriebshof Bahrenfeld:
Glasscheiben und Glühlampen für den Schwarzmarkt

Nacherzählt von Holger Schimkus

Aus heutiger Sicht ist es ein Schmunzel-Ereignis! Als Sohn eines Straßenbahnfahrers blieb diese Begebenheit bestimmt nicht nur mir über die vielen Jahre in Erinnerung. So lebendig, als hätte ich sie selbst erlebt. Dieses Geschehnis wurde gern bei Familienzusammenkünften zum Besten gegeben.

Es war wohl 1946, also vor meiner Zeit. Damals, kurz nach Ende des Krieges, war die Begebenheit ein Teil des Überlebenskampfes der Bevölkerung.

Anmerkung: "Controller" ist eine Bezeichnung für den Fahrschalter.


Irgendwann, nach dem Krieg, noch in der "Reichsmark - Zeit" befand sich der letzte Zug in der Schleife am Volkspark. Nannte man ihn nicht auch "Lumpensammler"? Dieser Zug hatte einen Triebwagen und zwei Beiwagen. Das waren die Wagen mit Umstecktüren. Somit gab es einen Straßenbahnfahrer und drei Schaffner.

Üblicherweise traf man sich im Triebwagen und machte dort gemeinsam seine Pause, aß sein Brot und rauchte seine auf dem Schwarzmarkt ergatterten Tabakwaren.

Die Pause, so bemerkte ein Kollege plötzlich, war doch schon vorbei! Man hatte sich verquatscht.

Der Fahrer ging zu seinem Controller und fuhr auf die Strecke Richtung Innenstadt. Die Schaffner blieben im Triebwagen. Es war ja sowieso Sperrstunde. Nur die Tommys waren vielleicht noch unterwegs und die stiegen immer nur in den Triebwagen ein.

Haltestelle Trabrennbahn vorbei und Weiterfahrt durch die schlecht beleuchtete Bahrenfelder Chaussee. Dann kam der Betriebshof Bahrenfeld in Sicht. Langsamfahrt über die "spitze Weiche", die Einfahrt zum Betriebshof und dann Strom auf die Bahn!

Nach dem Halt an der Schützenstraße sauste ein Auto am Zug vorbei, setzte sich vor die Bahn und zwang den Fahrer zum Halt!

Es war ein Kollege des Betriebshofs, der laut rief und gestikulierend auf die Schaffner und den Fahrer zustürmte. "Wo habt ihr den letzten Beiwagen gelassen, habt ihr den verloren? Der steht doch irgendwo"!

Er erklärte, man habe im Betriebshof aus dem Fenster geschaut und die Vorbeifahrt der zu kurzen Straßenbahn entdeckt. Er sei sofort mit dem Auto hinterher.

Unverständnis bei der Besatzung, dann der Blick am Zug entlang. Der letzte Waggon fehlt!

Ratlosigkeit wurde durch Überlegungen und Mutmaßungen abgelöst. Der Verlust des letzten Waggons konnte hier nicht erklärt werden! Man ging gemeinsam zum "neuen" Zugende. Mist! Da hing das abgerissene Stromkabel des vermissten Waggons und die mechanische Kupplung war auch offen.

Der Kollege vom Betriebshof wollte sich um das Problem kümmern und wollte die Strecke Richtung Volkspark abfahren. Irgendwo wäre der Waggon ja zu finden. Die Tour wurde, wie vorgesehen, zuende gebracht.

Da es noch kein Funk gab, erfuhren der Fahrer und die Schaffner erst nach dem Aussetzen in Bahrenfeld die ganze Geschichte.


Was war passiert?
Der Beiwagen stand einsam und verlassen in der Schleife am Volkspark. Stromlos und dunkel. Nach kurzem Blick stand fest, dass alle Glasscheiben geklaut waren. Denn die Schrauben der Holzrahmen an den Fenstern waren alle säuberlich herausgedreht und die Glasscheiben fehlten! Das war nicht alles. Auch alle Glühlampen waren verschwunden!


Die Rekonstruktion...
Dem Zug war aufgelauert worden. Irgendeine Gestalt hatte die Kupplung zum letzten Beiwagen geöffnet. Das Stromkabel ließ man dran. Hätte man es gelöst, wäre das Licht im Wagen ausgegangen. Das hätte auffallen können!

Die Kollegen waren noch lange den Frotzeleien im Schaffnerraum des Betriebshofs Bahrenfeld ausgesetzt!

Den jüngeren Lesern sei erklärt, dass Glasscheiben und Glühlampen nach dem Krieg heiß begehrte Schwarzmarkt-Ware war. Viele Fensterscheiben der Häuser waren durch Bombensplitter oder Explosionsdruck zerborsten. Pappe oder Holz wurde als Ersatz in die Fenster genagelt. Und wenn man eine noch so kleine Glasscheibe auf dem Schwarzmarkt eintauschen konnte, wurde sie in die Bretter eingesetzt.

An den Glühlampen aus dem Beiwagen werden nur gewitzte Leute ihre Freude gehabt haben! Die Glühlampen vertrugen nur die in der Bahn übliche Betriebsspannung von 110 Volt. Daheim waren es aber, wenn es denn mal Strom gab, 220 Volt! Da musste man schon 2 Glühlampen in Reihe schalten. Eine Lampe alleine betrieben, brachte nur kurzfristig Helligkeit und brannte dann durch.


Letztes Upload: 14.07.2016 um 06:49:10