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Sambawagen - Straßenbahnen in Hamburg

Straßenbahnen in Hamburg:
Das Märchen von der Straßenbahn
aus Heinrich Spiero: Hamburger Märchen, Hamburg 1912

Klaas Klünder wohnte auf dem Lokstedter Damm in Großborstel und fuhr an jedem Morgen mit der Linie Dreizehn der elektrischen Straßenbahn nach Eppendorf zur Schule. Er war sonst ein ganz netter Junge, aber unpünktlich, und versäumte sich gern in der Stadt mit seinen Schulfreunden, so dass er oft ein oder zwei Wagen der Bahn, die nur aller zwanzig Minuten hinausfährt, verpasste und mittags eine halbe oder eine ganze Stunde zu spät nach Hause kam. Dann ängstigten sich die Eltern, und die Mutter ging ihm wohl bis zur Friedenseiche entgegen oder trat auf den Balkon und lugte die Straße hinab, ob ihr Sohn denn nicht endlich nach Hause käme. So oft ihn auch die Eltern freundlich gebeten hatten: „Klaas, komm doch zeitig nach Hause, geh doch von der Schule ohne Aufenthalt zur Haltestelle” - er konnte und mochte sich die Bummelei nicht abgewöhnen. Und auch wenn er einmal außer der Zeit in die Stadt fuhr, etwa zum Besuch eines Schulkameraden, kam er nie pünktlich mit dem Wagen nach Hause, mit dem zu fahren ihm die Eltern befohlen hatten.

An einem Herbsttag war Klaas zum Geburtstag von Fritz Sieveken, der auf dem Eppendorfer Baum wohnte, geladen, und als er um vier Uhr in die Stadt fuhr, schärfte ihm die Mutter noch ein:

„Dass du mir aber pünktlich um zehn Uhr zu Hause bist.”

Klaas war schon ganz voller Erwartung der Besuchsfreuden und hörte kaum auf das hin, was die Mutter redete; da zupfte ihn der Vater am Ohr und sprach:

„Junge, Junge, du bist jetzt zwölf Jahre alt, da brauchst du nicht mehr so verspielt zu sein; hör gefälligst zu, was Mutter dir sagt und komm mir heute pünktlich nach Hause, sonst setzt es etwas.”

Klaas versprach es und fuhr ab. Den Nachmittag über waren sie sehr vergnügt, und als er um halb zehn Uhr mit ein paar andern Knaben das Haus verließ, dachte er wirklich an das Versprechen, das er gegeben hatte, und schlug den Weg zur nächsten Haltestelle ein. Es war ein schöner, milder Abend, und so machte ein etwas größerer Junge den Vorschlag, sie wollten doch sicher noch ein Stück zu Fuß gehn, das Wetter wäre so hübsch.

Klaas sagte, er müsse mit der nächsten Bahn, die gleich kommen würde, hinausfahren. Da lachte ihn der große Junge aus und sagte:

„Es wird dir wohl nichts schaden, wenn du zwanzig Minuten später zu Muttern kommst.”

Das war sehr ungezogen von dem großen Bengel, aber Klaas schämte sich nun, für zu klein gehalten zu werden, und ging mit. Rrr - - sauste die Bahn an ihnen vorbei, Klaas sah es kaum mehr, so war er schon wieder in das Gespräch mit den andern vertieft. Sie brachten erst einen nach Hause, der in Winterhude wohnte, und dann gingen sie unter Führung des großen Jungen den Isebeck entlang und vergnügten sich damit, Steine ins Wasser zu werfen, tobten auf der halbdunklen Straße umher, bis ein Schutzmann ihnen zurief, sie sollten Ruhe halten, und trieben allerlei Unfug, als sie plötzlich eine Kirchenuhr schlagen hörten. Sie lauschten einen Augenblick auf; erst gab es vier Schläge und dann dahinter nach einer kleinen Pause zwölf.

„Um Himmelswillen,” schrie Klaas, „es ist zwölf.”

Die anderen wurden ganz still, gaben ihm nur rasch die Hand und verschwanden laufend, eh er sichs versah. Da stand der Junge nun ganz allein am Isebeck, kein Mensch war weit und breit zu sehn.

Klaas dachte nach: der Vater hatte immer gesagt, dass nach zwölf noch eine Bahn bis Borstel hinausginge. Klaas rannte also spornstreichs nach der Eppendorfer Landstraße zurück, und als er keuchend um die Ecke bog, kam gerade die Linie Dreizehn vorbei. Er winkte und schrie, der Wagen hielt, er sprang hinein und setzte sich, noch ganz atemlos, in die Ecke.

Als er wieder etwas Luft hatte, blickte er sich um. Er war ganz allein im Wagen, und als jetzt der Schaffner zu ihm trat und ihm seine Groschen abverlangte, schien es ihm, als ob der ein ganz böses Gesicht machte und ihn durchdringend anschaute. Klaas wurde es nun erst recht bange, er dachte daran, wie sich die Eltern wohl ängstigen würden, und fühlte schon die Schläge, die er zu besehn haben würde.

Indes war die Bahn schon an der Erikastraße vorbeigesaust und fuhr jetzt am Mühlenteich entlang; ohne zu halten, fuhr sie durch das ganze Dorf, und als sie dicht vor der Endstation waren, stand Klaas auf und wollte auf dem Hinterperron gehn, um auszusteigen. Er konnte aber die Tür nicht öffnen, und wie er an dem Griff rüttelte, sie blieb verschlossen. Der Schaffner stand dahinter und grinste ihn höhnisch an. Nun waren sie am Endpunkt, aber die Bahn blieb nicht stehn, sie machte eine Wendung nach links, fuhr die Borsteler Chaussee zu Ende und dann den Weg nach den Schießständen hinüber. Hier raste sie mitten durch das Gatter, der Posten, der dort stand, hatte, an einem Baum gelehnt, geschlafen, er fuhr erschreckt auf, und wie die hell erleuchtete Bahn vorbeikam, glaubte er in seiner Schlaftrunkenheit wohl, der Schaffner wäre mindestens ein Kommandierender General, der zu einer nächtlichen Besichtigung käme und sich eine Extrabahn genommen hätte, und präsentierte das Gewehr.

Wirklich fasste der Schaffner, dessen Augen jetzt, wie Klaas mit Entsetzen sah, unheimlich glühten, dankend an die Mütze und hui - ging es weiter, immer an den Ständen entlang. Jetzt kreischte Klaas laut auf, denn sie waren unmittelbar vor dem Kugelfang, und im nächsten Augenblick mußte die Bahn, die immer rascher und immer rascher einherstürmte, mit dem Berg zusammenstoßen. Aber nichts davon. Der Wagen fuhr mitten in den Kugelfang hinein, wie durch einen dicken Brei hindurch und auf der andern Seite wieder heraus. jetzt erloschen die elektrischen Lampen, es wurde schaurig dunkel, und nur die Augen des Schaffners, der dicht an der Hintertür stand und in den Wagen auf Klaas sah, glühten wie feurige Kohlen.

Klaas versuchte sich zu verstecken. Er glitt auf den Bänken von der einen Ecke in die andre, er schlug die Hände vors Gesicht, aber immer verfolgten ihn die unheimlichen Augen des Schaffners. Eine ganze Weile ging es in sausendem Galopp weiter. Mal geradeaus, dann wieder mit einer Biegung links oder rechts, jetzt mussten sie durch einen Wald fahren, denn Klaas hörte, wie Baumäste das Dach des Wagens streiften, und nun auf einmal hielten sie.

Der Schaffner riss die Tür auf und packte Klaas beim Kragen. Er stieß ihn aus der Bahn, ein paar Schritt weiter, und nun standen sie vor einer Wasserstelle, einem kleinen Teich, in dem von verschiedenen Seiten Quellen hineinrieselten. Die Augen des gespenstischen Schaffners leuchteten weithin, und Klaas erkannte, dass er an der Alsterquelle stand, die er oft mit seinen Eltern besucht hatte.

Der Schaffner rüttelte den Jungen hin und her und sagte: „Ich will dich lehren, deinen Eltern nicht gehorchen; ich will dich lehren, was das heißt, unpünktlich zu sein.”

Er hob ihn mit einem Arm hoch und tauchte ihn dann blitzschnell in das Wasser, das Klaas eiskalt an den Leib drang.

Klaas sank und sank. er sah nichts und hörte nichts. Er fühlte nur das eisige Wasser an seinem Leibe. Plötzlich hatte er Boden unter den Füßen und stand still. Er merkte, dass er nicht mehr im Wasser war, und öffnete die Augen. Da sah er, dass er mitten in einer großen Höhle stand. Rings umher saßen auf niedrigen Steinen Knaben und Mädchen in nassen Kleidern, hatten vor sich größere Steine und auf denen Hefte, in die sie eifrig schrieben. Ein Platz war noch frei, und mit Erstaunen erkannte Klaas an dem Nebenplatz den großen Lümmel, der ihn heute verführt hatte und dem er nur zu gern gefolgt war.

Bild: Theodor Herrmann , Buchillustration zu Heinrich Spiero: Das Märchen von der StraßenbahnJetzt ertönte eine Stimme: „Klaas Klünder, setz dich hin und schreibe.”

Gehorsam schlich Klaas an den Platz, setzte sich auf den Stein (o wie kalt, dachte er). In demselben Augenblick erschien auf dem großen Stein ein aufgeschlagenes Schreibheft, und auf der linken Seite war eine Vorschrift, die alle Reihen von oben bis unten bedeckte, in der Mitte lag ein Federhalter. Klaas ergriff den und begann auf der rechten Seite abzuschreiben. Er hatte kaum die ersten Zeilen geschrieben, als er hörte wie eines der andern Kinder: „O weh!” rief, da sah er eine große Eule, die von der Decke der Höhle herabgeflattert kam und mit ihren Flügeln über des andern Heft wischte, so dass alles noch nicht Getrocknete verwischt war.

„Noch einmal schreiben,” ertönte es von oben, und das Kind mußte von vorn beginnen.

Während Klaas noch hinüberstarrte, sprang ein kleiner Fuchs ihm auf den Schoß und wischte dabei mit seinem dicken Schweif über seine Schrift. Wieder rief die Stimme:

„Noch einmal schreiben!”

Und er begann von vorn. Nun hielt er sein Heft dicht an sich und achtete wohl darauf, dass keins der Tiere ihm hineinschlagen konnte. Nie im Leben hatte er so eifrig und ordentlich geschrieben. Als die Seite zu Ende war, atmete er auf und dachte: jetzt bin ich fertig. Er sah, wie einem andern Kinde das Heft zuklappte, in die Höhe flog und das Kind im nächsten Augenblick verschwunden war. Gleichzeitig aber wandte sich in seinem Heft die vollgeschriebene Seite von selbst um, und auf der nächsten stand schon wieder eine Vorschrift über die ganze Seite, und das rechte Blatt war leer. Er schrieb achtsam weiter und drängte seine Tränen zurück, und so ging es Seite auf Seite, wohl zwanzigmal, bis das ganze Heft voll war und er schon kaum mehr die Feder halten konnte. Immer wieder mußte er sich dazwischen der Vögel, der Füchse und des kleine Getiers erwehren, das ihn stören wollte, und nur mit großer Mühe und Not brachte er seine Arbeit zu Ende.

Ein Kind nach dem andern war inzwischen fertig geworden und verschwand. Jetzt war nur noch Klaas allein da: er klappte das Heft zu. Sofort war es verschwunden, und im nächsten Augenblick fühlte er sich in die Höhe gehoben, er kam nach ein paar Minuten auf der Oberfläche des Wassers an, pudelnass kletterte er an Land.

Hier stand der Schaffner.

„Jetzt heißt es laufen, mein Junge,” sagte er und packte Klaas bei der Hand. Und nun ging es hopp, hopp über Stock und Stein, dass Klaas Hören und Sehen verging.

„Wo mag er bloß mit mir hinlaufen,” dachte er immer wieder, aber er wagte nicht zu fragen, weil ihn der Schaffner mit den Glutaugen durchbohrend von der Seite ansah, indem er immer weiter lief. Klaas konnte schon seine Füße kaum mehr regen, das Herz klopfte ihm gewaltig, und im Kopfe sauste und brauste es. Da blieben sie mit einem Ruck stehen, und Klaas erkannte, dass er bei der Friedenseiche in Großborstel war. Jetzt gab es ein furchtbares Getöse. Der Schaffner hatte ihn losgelassen und winkte mit der Hand, von der es zuckte wie ein greller Blitz. Im nächsten Augenblick war der Straßenbahnwagen wieder da, der Schaffner schwang sich hinauf und ohne zu läuten und ohne Geräusch glitt der Wagen um die Ecke und war verschwunden.

Klaas taumelte nach Hause. Auf dem Lokstedter Damm gingen Leute mit Laternen hin und her, das Haus seiner Eltern und die der Nachbarn waren alle hell, und in der Tür stand die Mutter und weinte. Ganz leise und demütig ging Klaas auf sie zu und fasste ihre Hand. Da ließ sie die andre Hand, mit der sie das Taschentuch vors Gesicht hielt, fallen, und als sie Klaas erkannte, hob sie ihn jubelnd in die Höhe und drückte ihn an sich. Sie behielt den schweren Jungen auf dem Arm und rief auf die Straße hinaus:

„Hier ist er, hier ist er!”

Indessen kam der Vater um die Ecke, noch ganz traurig, er hatte überall gesucht, war bis in die Stadt gelaufen, auch bei Sievekens gewesen, und hatte seinen Jungen nicht gefunden. Nun freute er sich, die Nachbarn gingen wieder in ihre Häuser und es wurde still.

Da ging der Vater an den Ofen, hinter dem, wie Klaas wusste, die Rute hing, aber ehe er noch bis dahin gekommen war, lief Klaas auf ihn zu und sagte:

„Lieber Vater, Bitte, schlag mich nicht, ich bin schon genug bestraft. Ich will ganz gewiss nicht wieder unpünktlich sein und mit der falschen Bahn nach Hause kommen.”

Der Vater sah ihn an und merkte, dass es dem Jungen ernst war. Da sagte er zur Mutter:

„Dann wollen wir es für diesmal gut sein lassen. Pack ihn nur ins Bett, er ist ja ganz nass.”

Von diesem Tage an ist Klaas nie wieder zu spät nach Hause gekommen. So oft er aber in die Bahn stieg, spähte er nach, ob er nicht den Schaffner aus jener Schreckensnacht wiederfände - aber den hat er nicht mehr gesehn, er war und blieb verschwunden.


Bild: Buch Heinrich Spiero: Hamburger MärchenHeinrich Spiero (*24.3.1876 Königsberg; †8.3.1947 Berlin) wohnte damals in Groß Borstel. Er hat neben diesem einige weitere Märchen seinen Töchtern Bertha-Sabine, Josepha, Ursula und Christiane gewidmet.

Die Illustration zu diesem Märchen stammt aus dem gleichen Buch. Gezeichnet hat sie Theodor Herrmann (*27.7.1881 Stade; †15.12.1926 Bremen).

Heinrich Spiero und seine Frau Olga (*9.7.1877; †14.11.1960) ruhen auf dem Alten Friedhof der Zwölf-Apostel-Gemeinde in Berlin-Schöneberg, Kolonnenstraße 24-25, Grablage in der Abteilung 605-005-017. Die Inschrift auf dem Grabmal beginnt mit: „Hier ruht in deutscher Erde was sterblich war von ...”


Letztes Upload: 11.01.2018 um 17:55:04