Home

Info-
seite

Nordteich und
Stiller Weg

Vom alten Wasserturm
zum Eingang Kleine Horst

Auswahl-
seite Ohlsdorf

Friedhof Ohlsdorf • Vom Eingang Kornweg zum Eingang Bramfeld:
Das Bombenopfermahnmal (Bp-Bo 66,67)

Sturmflutopfer von 1962 Das Bombenopfermahnmal am 26.Juli 2003
Bild: Ohlsdorfer Friedhof, Bombenopfer Mahnmal von der Mittelallee aus (30.9.2004)
Eichenbalken erinnern an die betroffenen Statdteile. Sie wurden 1944 von Ludwig Kunstmann geschnitzt. Aufgestellt wurden sie erst 1949.
Bild: Ohlsdorfer Friedhof, Bombenopfer Mahnmal „Fahrt über den Styx” bzw. „Charonsnachen” von Gerhard Marcks (19.10.2002)
Bild: Ohlsdorfer Friedhof, Bombenopfer Mahnmal „Fahrt über den Styx” bzw. „Charonsnachen” von Gerhard Marcks (19.10.2002)

Mahnmal für die Opfer des Bombenkrieges

Auf einer Informationstafel steht:

Liebe Besucherinnen und Besucher,
unter vier breiten, kreuzförmig angelegten Massengräbern liegen hier 36.918 Opfer des Hamburger Feuersturms, den Bombennächten vom Juli und August 1943. Die hölzernen Querbalken tragen die Namen der Stadtteile, aus denen die Toten zu dieser Ruhestätte transportiert wurden.

Der quadratische Mittelbau sowie das Relief im Innern wurden 1947 von Gerhard Marcks entworfen und 1952 eingeweiht. Er bedient sich einer monumentalen und beklemmend wirkenden Szene aus der griechischen Mythenwelt. Dargestellt ist der Totenfährmann Charon, der ein anmutiges Brautpaar, einen Mann, eine Mutter und Kind und einen Greis über den Acheron setzt, den Strom, der die Oberwelt vom Reich der Schatten trennt. Er wirkt erstarrt und symbolisiert die Gleichgültigkeit des organisierten Massentodes. Die anderen Figuren wirken teilnahmslos und tragen, wie der Bildhauer erläuterte, „das Menschliche unberührt hinüber”. Mit den Mitteln der Kunst wird versucht, die Würde angesichts der furchtbaren Heimsuchung für die Stadt Hamburg zu wahren.

Friedhof Ohlsdorf

Gerhard Marcks über dies Denkmal: „Ich habe dies Motiv gewählt und damit auf das vorchristliche Zeitalter zurückgegriffen, weil hier eine christliche Todesauffassung nicht am Platze war. Weder ist in dieser Art Tod etwas Versöhnliches zu sehen, noch starben die Bombenopfer als Märtyrer für eine Idee, sondern alle, Männer, Frauen und Kinder, wurden in den Wahnsinn der Vernichtung gerissen ohne Antwort auf die Frage: warum?, die auf so vielen Grabkreuzen sich wiederholt. Aus diesem Grunde habe ich auch dem Charon grausame Züge gegeben; er ist die Personifikation der Gleichgültigkeit und des organisierten Massenmordes.”

„Die Insassen des Kahnes, die Toten, sind von der Scheußlichkeit unberührt. Brautpaar, Mutter und Kind, Vater und Großvater tragen das Menschliche unberührt hinüber.”


Das Bombenopfermahnmal (1948-52) im Zentrum der Massengrabanlage „Bombenopfer-Grabstätte” für 36918 der über 40000 Opfer der schweren Bombenangriffe vom 25. Juli bis 3. August 1943 ist eindrucksvoll und bedrückend zugleich.

Das Mahnmal steht zum Gedenken an die 55000 Hamburger Bombenopfer von 1940-45. Es trägt (wie es in der Broschüre der Baubehörde Hamburg: Hauptfriedhof Ohlsdorf im Wandel der Zeit, Hamburg 1977 steht) den Namen „Fahrt über den Styx” oder auch „Charonsnachen”. Insofern habe ich mit dem Text auf der Erklärungstafel meine Schwierigkeiten: Ist es nun der Fluss Acheron oder ist es der Fluss Styx ? In der griechischen Mythologie ist der Acheron der erste Strom, den die Toten beim Eintritt in die Unterwelt überschreiten müssen. Der Fährmann Charon setzt sie in einem Kahn über und erhält als Lohn einen Obolos, eine kleine griechische Silbermünze, die man den Toten in den Mund legt.

In der griechischen Mythologie hat der Fluss „Styx” eine andere Bedeutung. Charon betreibt jedoch auch hier seinen Fährbetrieb. Seine Fahrgäste - es sind die Seelen der Toten - haben dann jedoch bereits die Flüsse

  • Acheron,
  • Kokytos (Strom der Klagen),
  • Lethe (Strom der Vergessenheit. Aus ihm tranken die Toten und verloren dadurch die Erinnerung an die Ereignisse und Freuden ihres menschlichen Lebens), und den
  • Pyriphlegethon (der Feuerflammende)
überquert. Wenn sie am Styx angekommen sind, können sie wohl kaum noch „das Menschliche unberührt hinüber” tragen, denn das haben sie spätestens verloren, als sie vom Wasser der Lethe tranken. Insofern wird die Bezeichnung „Fahrt über den Styx” wohl auf einem Irrtum beruhen.

Das Mahnmal zeigt das klassische Thema des Totenfährmanns Charon, der die Toten ohne jegliche Emotion ins Reich der Schatten bringt und damit die Gleichgültigkeit gegenüber dem modernen Massentod und dem organisierten Massenmord personifiziert.

Die Auswahl der dargestellten Fährgäste zeigt, dass der Tod in jedem Abschnitt des Lebens zuschlagen kann. Eine andere Interpretation könnte sein, dass eine vollständige Familie bzw. Wohngemeinschaft hingerafft wurde. Vielleicht sollte bei der Interpretation der dargestellten Szene berücksichtigt werden, dass Charon nicht jeden Verstorbenen transportiert: Unbestattete werden zurückgewiesen.

Der Entwurf dieses Mahnmals stammt von dem Bildhauer  i Prof. Gerhard Marcks (1889-1981). Er ist ebenfalls auf dem Ohlsdorfer Friedhof begraben. Das 5 m hohe, 12 m breite und 9 m tiefe Mahnmal besteht aus Oberkirchner Sandstein. Die Höhe des Reliefs beträgt etwa 230 cm.

Das Denkmal wurde am 16.8.1952 enthüllt. Wer auf Images.google.com in die Suchmaske "New Monument in Hamburg" einschließlich der Gänsefüßchen eintippt, findet eine Fotoserie von Ralph Crane über die Einweihung.

Wie praktisch alle Denkmäler, die an den Krieg erinnern, ist auch dies Denkmal umstritten. Seine Aussage ist zu sehr verschlüsselt und wer kennt sich schon mit der griechischen Sagenwelt aus? Der „Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten” verlangte seinerzeit, statt an abgelegener Stelle ein Denkmal zu errichten, doch einen Wohnblock für Hinterbliebene an zentraler Stelle neben der Nikolaikirche zu erbauen.

Fast noch bedrückender als das Denkmal empfinde ich allerdings das Studium der kleinen Gedenksteine und -kreuze, die am Rand der Grabfelder stehen. Sie wurden von Angehörigen zumeist in den ersten Nachkriegsjahren aufgestellt.

Die ausführenden Künstler waren

  • Alfons Doll- Brautpaar, Mutter und Kind
  • Johannes Bursch- Fährmann, Vater, Großvater und Nachen

Die Opfer der Bombennächte wurden, ohne identifiziert werden zu können, mit LKWs von den Bergungstrupps nach Ohlsdorf gebracht und von 80 ausländischen politischen Häftlingen aus dem Konzentrationslager Süderstraße bestattet. Auch der Bildhauer Carl Garbers (1864-1943) gehört zu den hier beigesetzten Bombenopfern.

Während des „Feuersturms” fanden insgesamt vier große Bombenangriffe auf die Wohnviertel in den Nächten durch britische Flugzeuge (24./25. Juli, 27./28. Juli, 29./30. Juli und 2./3. August) statt. Tagsüber wurden die Nachtangriffe durch zwei Angriffe amerikanische Bomber unterstützt, die sich allerdings auf strategische Ziele konzentrierten. Durch die Bombardierungen wurden 900000 Hamburger obdachlos. 277000 Wohnungen, etwa die Hälfte des damaligen Wohnungsbestands, wurden zerstört. Die Zahl der Verletzten wird auf eine viertel Million geschätzt.

Für die gefährlichen Aufräumarbeiten in den betroffenen Stadtteilen wurden Häftlinge aus dem Konzentrationslager Neuengamme eingesetzt. Die Arbeiten waren aufgrund der Einsturzgefahr, der Blindgänger und der Bomben mit Zeitzündern gefährlich. Diese erste Aufräumaktion dauerte mehrere Wochen. Viele Opfer der Bombenangriffe wurden noch über das Kriegsende hinaus aus den verschütteten Kellern geborgen. Viele Leichen zerfielen bei der Berührung zu Staub, da sie einer extremen Hitze von bis zu 1000° Celsius ausgesetzt waren. Viele Keller blieben jedoch ungeöffnet und wurden einplaniert. Einige tausend(!) Hamburger sind dadurch spurlos verschwunden.


Aufruf des Gauleiters
an die Bevölkerung der Hansestadt

Hamburger!
Eine Katastrophe unerhörten Ausmaßes ist über unsere Stadt gekommen. Schmerzliche Opfer an Gut und Blut sind von jedem von uns verlangt worden. Alle planmäßigen Vorbereitungen gegen den feindlichen Luftterror, die seit langer Zeit mit allen verfügbaren Mitteln getroffen wurden, können bei dem Umfang der Schäden nicht die Hilfe bringen, die notwendig ist. Jeder Hamburger kann aber versichert sein, dass alle erforderlichen Hilfsmaßnahmen eingeleitet sind.
Viele Volksgenossen wenden sich heute persönlich an mich. Ich kann zunächst immer nur das tun, was am dringlichsten ist und allen dient. Ich fordere von Euch Mitarbeit und Vertrauen und benutze gleichzeitig diese Gelegenheit, um allen zu danken, die mir Tag und Nacht in allen Stadtteilen Hamburgs zur Seite gestanden haben, mit den Kräften, die aus den Nachbargauen zu uns kamen. Die Schwierigkeiten sind noch nicht überwunden. Von allen muss ich deshalb auch weiterhin den härtesten Einsatz fordern, damit wir fertig werden mit der schwersten Prüfung, die den Menschen unserer Hansestadt auferlegt ist.

(Karl Kaufmann)
Gauleiter und Reichsstatthalter

Die Luftschutzpolizei meldete Mitte September 1943 diese Schadenszahlen nach Berlin:

Vernichtet oder schwer beschädigt wurden:

  • 580 Industrie- und Rüstungsbetriebe
  • 2632 Gewerbebetriebe
  • 379 Kontorhäuser
  • 7 Warenhäuser
  • 13 Versorgungsbetriebe
  • 22 Verkehrsbetriebe bzw. Verkehrsanlagen
  • 24 Krankenhäuser
  • 277 Schulen
  • 58 Kirchen
  • 77 Kulturstätten, Theater oder Kinos
  • 72 Banken und Sparkassen
  • 18 Seeschiffe
  • 294 Wasserfahrzeuge kleinerer Art
  • 31 U-Boote
  • 11 Docks
  • 620 Straßenbahnwagen
  • 150 Kilometer Straßenbahnfahrleitung
  • 99 U-Bahn-Wagen
  • 17 Busse
  • 43 S-Bahn-Wagen
  • 2400 Güter- und 425 Personenwagons

Dies waren nicht die einzige Bombardierungen Hamburgs. Bei Kriegsende waren von den insgesamt 560000 Hamburger Wohnungen 300000 zerstört oder beschädigt.

Die Einweihung der Massengrabanlage durch die NSDAP fand am 15.10.1944 statt. 1947 wurde ein Wettbewerb für die Neugestaltung ausgeschrieben. Die Kommission sprach sich im Mai 1948 für den Entwurf von Gerhard Marcks aus. Die Aufstellungsarbeiten für das Mahnmal begannen im Frühjahr 1952, die Einweihung war am 16.8.1952.

Karl Kaufmann (*10.10.1900; †4.12.1969): Auch der Gauleiter und Reichsstatthalter Karl Kaufmann ist auf dem Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt. Das Familiengrab Speth-Kaufmann liegt im Planfeld R24 etwa 30 m östlich der Waldstraße an dem Verbindungsweg zwischen der Waldstraße und der ehemaligen Ehrenanlage gefallener Kämpfer der NSDAP (S26,22-32). Es ist ein etwa 2 m hoher und 1 m breiter Grabstein aus rotem Granit. Bis kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zierte ihn ein Hakenkreuz. Karl Kaufmann soll vor Ende des Zweiten Weltkrieges seine politische Überzeugung nach einem Besuch in Berlin grundlegend geändert haben. Er hielt nach diesem Besuch Hitler für einen „Wahnsinnigen, der von Verbrechern umgeben ist”. Kaufmann wurde am 3.Mai 1945 von der britischen Besatzung verhaftet und blieb mehrere Jahre in Haft. Vor Gericht als Angeklagter kam er aufgrund seines Gesundheitszustandes nicht.

Letztes Upload: 06.03.2017 um 14:18:06