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Ohlsdorfer Friedhof • Links und rechts der Cordesallee:
Die Cholera von 1892

Das Grab von Helmut Zacharias Die Grabwand für Siegfried Wedells
Bild: Cholera-Gedenkstein der Patriotischen Gesellschaft auf dem Ohlsdorfer Friedhof (17.10.2002)
Inschrift des Gedenksteins:

DIE CHOLERA FORDERTE
1892
MEHR ALS 8500 OPFER.
DIE MEISTEN WURDEN
HIER BEGRABEN.

VERANTWORTUNG FÜR
DIE UMWELT UND IHRER
LEBENSQUELLEN SEI
UNS IHRE MAHNUNG.

PATRIOTISCHE
GESELLSCHAFT VON 1765
IM SEPTEMBER
1992.

Die Cholera in Hamburg, 1892
Einwohner gesamt: 640000 100%
Einwohner erkrankt: 16956 2,65%
Einwohner gestorben: 8605 1,34%

Der Gedenkstein steht an der Südseite der Cordesallee etwa in der Mitte zwischen Ringstraße und Waldstraße/Oberstraße. Unterhalb der Inschrift ist ein Bienenkorb dargestellt. Der Bienenkorb ist das Wappen der Patriotischen Gesellschaft in Hamburg.

Über die Cholera in Hamburg findet man Näheres unter der Überschrift
„Die Cholera in Hamburg 1892” und bei
www.hamburgs-geschichte.de.

Bild: Grabstätte Langhoff hinter dem Cholera-Gedenkstein (20.10.2002)Bei diesem Ausbruch der asiatischen Cholera ab dem 21.August 1892 erkrankten fast 17000 Personen. Davon starb jede Zweite. Ursache war eine ungenügende Reinigung des der Elbe entnommenen Leitungswassers.

Die Seuche dauerte 10 Wochen an. Am 16.11.1892 wurde Hamburg amtlich als seuchenfrei erklärt. Die Hamburger Politiker versuchten zunächst, die Seuche geheim zu halten, um das Wirtschaftsleben nicht zu beeinträchtigen. Die Seuche war jedoch so schlimm, dass dies nicht lange gelang. Auf der Website der Hamburger Werft Blohm und Voss (die Werft wurde 2002 125 Jahre alt) fand sich ein Hinweis, dass Hamburg sogar von der Außenwelt abgesperrt wurde: Absperrung Hamburgs von der Außenwelt. Der Dock- und Reparaturbetrieb ruht.

Der schlimmste Tag war der 2.September. An diesem Tag starben 561 Menschen an der Cholera.

Der Verkehr von und nach Hamburg war fast stillgelegt. Handel und Wandel erlahmten. Die befürchtete Isolierung Hamburgs nahm ihren Anfang.

Da die Krankenhäuser nicht ausreichten, begann man mit dem Bau von „Cholera-Baracken”, und zwar zunächst neben dem alten Allgemeinen Krankenhaus in der Lohmühlenstraße und dem Seemannskrankenhaus in St. Pauli.

Es galt, alle Choleraleichen innerhalb von 24 Stunden zu beerdigen. Um die Opfer aus den verschieden Vierteln nicht einzeln durch die ganze Stadt zum Friedhof fahren zu müssen, wurden in allen Stadtteilen provisorische Leichenhallen eingerichtet. Der Leichenwagen fuhr von nun an vor das betroffene Haus. Die Leichenträger legten die Verstorbenen einzeln in karboldurchtränkte Leinentücher, brachten Namenszettel an und luden sie in den Wagen. War der Wagen voll, fuhren sie ihre Fracht zur nächstgelegenen Leichenhalle.

Man hatte zu wenig Särge. In den Schreinereien der Krankenhäuser wurden Tag und Nacht Holzkisten mit flachem Deckel gezimmert. In diese Kisten wurden die Opfer zumeist unbekleidet gelegt. Viele der Opfer wurden bereits im bewußtlosen Zustand im Krankenhaus aufgenommen. So kannte man nicht einmal in jedem Fall den Namen des Opfers. Je 50 dieser Kisten ergaben eine Ladung für die Möbelwagen, die in den Abendstunden zum Ohlsdorfer Friedhof fuhren.

Auf dem Ohlsdorfer Friedhof arbeiteten in einer Tag- und einer Nachtschicht je 125 Totengräber im Akkord. Rund um die Uhr fanden Beerdigungen in den Massengräbern statt.

Es wurde eine „Cholera-Commission” ins Leben gerufen. Sie versuchte, über die Infektionsgefahren zu informieren. In den Wohngebieten wurden Warnzettel angeschlagen:

Bekanntmachung
Vor dem Genuß ungekochter Speisen, namentlich
ungekochten Elb- und Leitungs-Wassers
sowie ungekochter Milch wird dringend gewarnt.

Hamburg, den 1.September 1892
Die Cholera-Commission des Senats.

Professor Robert Koch, der Entdecker des Cholera-Bazillus, wurde aus Berlin nach Hamburg geschickt. Er schrieb an den Kaiser: „Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen wie in den sogenannten Gängevierteln, die man mir gezeigt hat, am Hafen, an der Steinstraße, in der Spitalerstraße oder an der Niedernstraße.”

Die Cholera hatte unmittelbare und tiefgreifende Auswirkungen auf die weitere städtebauliche Entwicklung Hamburgs. Hierzu gehörte neben der Errichtung der ersten Müllverbrennungsanlage Deutschlands an der Straße Bullerdeich die großflächige Sanierung (Abriss und Neuaufbau) der Hamburger Innenstadt im Bereich der Mönckebergstraße und des Kontorhausviertels südlich der Steinstraße (einige der Kontorbauten sind auf meiner Homesite beschrieben. Es sind u.a. das  i Chilehaus, das  i Miramarhaus und das  i Pressehaus.

Das Krankheitsbild

Die Cholera ist eine Erkrankung der Darmschleimhaut. Sie führt zu permanentem Erbrechen und Durchfall. Der Wasserverlust bewirkt die Austrocknung des Körpers und den Verlust lebenswichtiger Mineralien. Ohne Behandlung sterben bis zu zwei Drittel aller Erkrankten innerhalb von ein bis sechs Tagen.

Fünf- bis zehnmal häufiger führt eine Infektion nur zu leichten Durchfällen oder zu keinen Beschwerden. Auch symptomfreie Keimträger können die Krankheit weiter verbreiten. Dies erfolgt stets über den Stuhl. Gelangen die nicht desinfizierten Fäzes in die Wasserversorgung einer Siedlung, kommt es meist zu einem explosionsartigen Anstieg der Erkrankungen. Weniger dramatisch verlaufen Kontaktinfektionen, bei denen mit Ausscheidungen verunreinigte Kleidung oder Bettlaken die Träger der Infektion bilden.

Hervorgerufen wird die Cholera durch eine Infektion mit dem Vibrio cholerae. Dies ist ein Wasser lebendes Bakterium. Es ist gegen Austrocknung empfindlich. Im Wasser kann es jedoch wochenlang überleben und sich vermehren. Durch Genuss kontaminierten Wassers oder konterminierter Lebensmittel gelangt es in den Körper. Im Darm vermehrt es sich massenhaft und wird anschließend mit den Dejekten des Kranken ausgeschieden.

Das Heimatgebiet der Cholera ist in Bengalen, im Mündungsdelta von Brahmaputra und Ganges.

Mit der Kolonialisierung Anfang der 19. Jahrhunderts konnte sich die Cholera über ihr ursprüngliches endemisches Gebiet hinaus ausbreiten. Man vermutet, dass es eine Folge der Beschleunigung und Intensivierung des menschlichen Verkehrs war. Die sich über den indischen Subkontinent bewegenden Menschen schleppten der Choleraerreger in zuvor nicht betroffene Gebiete ein. Für die Wanderung der Cholera nach Europa waren die Zunahme der Menschen- und Warenströme verantwortlich. In Europa selbst entstanden gleichzeitig Großstädte mit unzureichender sanitärer Versorgung in überbevölkerten Slums.

Erst 1883/1884 entdeckte Robert Koch den Erreger dieser Krankheit, den Vibrio cholerae.

Bisher verzeichnet man sieben Cholerapandemien (Pandemie=Epidemie größeren Ausmaßes):

  • 1817 bis 1823
  • 1830 bis 1837
  • 1840 bis 1860
  • 1863 bis 1875
  • 1881 bis 1896
  • 1899 bis 1923
  • ab 1936, bis heute andauernd, nur eingeschleppte Einzelfälle.

Berlin wurde zwischen 1831 und 1873 dreizehnmal von der Cholera heimgesucht. In Preußen starben bei der Epidemie 1866 fast 115000 Menschen. Die letzte flächendeckende Choleraepidemie in Deutschland war 1873.

Eine Gedenktafel an der nahegelegenen Friedhofsgärtnerei Ecke Cordesallee mit Ringstraße trägt den Text:
„SCHWARZE BUDE”
Etwa an dieser Stelle standen ehemals einfache Holzbaracken als Unterkünfte für Friedhofsarbeiter. Hier waren jene Totengräber untergebracht, die im Spätsommer 1892 Tag und Nacht die Opfer der Cholera-Epidemie auf der gegenüberliegenden Straßenseite bestattet haben.

In Erinnerung an jene Zeit entstand die nunmehr 100-jährige aber fast vergessene Bezeichnung „Schwarze Bude”. Mit diesem Namen wurden auch die nachfolgenden Gebäude (1912 bzw. 1955 errichtet) friedhofsintern bezeichnet.

FÖRDERKREIS OHLSDORFER FRIEDHOF E.V./SEPTEMBER 1992


Letztes Upload: 15.05.2017 um 17:05:31