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Ohlsdorfer Friedhof • Nordteich und Stiller Weg:
Anonymer Urnenhain und Mausoleum Riedemann

Kapelle 8, das Kolumbarium Der stillen Dulderin
Bild: Anonymer Urnenhain und Mausoleum Riedeman (17.11.2002) Bild: Mausoleum Riedemann (3.4.2003)
Bild: Anonymer Urnenhain und Mausoleum Riedeman am (3.1.2003)Die drei Bilder zeigen im Hintergrund das auf einem aufgeschütteten Hügel stehende Mausoleum Riedemann. Vor dem Mausoleum erstreckt sich die Rasenfläche des 1975 eingerichteten anonymen Urnenhains. Im Vordergrund ist ein Teil des von Klaus Bösselmann gestalteten Rundbogens mit dem symbolisierten Lebensthema „Werden, Sein, Vergehen” zu erkennen.

Man mag kaum glauben, dass hier innerhalb von 15 Jahren 15000 Urnen beigesetzt wurden.

Bild: Anonymer Urnenhain und Kapelle 8 (10.1.2004)
Anfang Januar 2004: Wie jedes Jahr haben Angehörige im letzten Herbst winterlichen Grabschmuck am Rande der Rasenfläche niedergelegt, Laternen und Kerzen aufgestellt. Das Schmücken des Grabes der Angehörigen ist selbst dann ein Bedürfnis, wenn man den genauen Ort der Grabstätte nicht kennt.

Da das Betreten des Rasens untersagt ist, hat die Friedhofsverwaltung große Kübel zur Ablage des Blumenschmucks aufgestellt. Rechts durch die Bäume erkennt man die Kapelle 8. Sie beinhaltet das Kolumbarium. So wird der Gegensatz in der modernen Bestattungskultur augenscheinlich.

Eine Sonderform der (anonymen) Urnenbeisetzung ist die Körperspende. Der Spender erklärt sich zu Lebzeiten in einem Vermächtnis dazu bereit, dass seine Leiche von Studenten einer medizinischen Hochschule seziert und präpariert werden darf. Danach wird der Körper eingeäschert und in einer Urne bestattet. Hierzu wurde das bisher von den gesetzlichen Krankenkassen gezahlte Sterbegeld verwendet.

Mit der Gesundheitsreform (ab 2004) wurde jedoch das Sterbegeld als Leistung der gesetzlichen Krankenkassen gestrichen. Nun haben die medizinischen Hochschulen und die Körperspender ein Zahlungsproblem. Die medizinische Hochschule Hannover sah sich Anfang 2004 genötigt, ihre etwa 3000 registrierten Körperspender anzuschreiben und sie zu fragen, ob sie unter diesen geänderten Voraussetzungen ihr Vermächtnis aufrechterhalten wollen. Wenn ja, müssten sie einen Bürgen benennen, der später ihre Bestattungskosten übernähme oder aber eine zweckgebundene Spende an die Medizinische Hochschule leisten. (Informationsquelle: Zeitung „Die Welt” vom 12.1.2004, basierend auf einem Bericht der „Neuen Presse” aus Hannover.)

Bild: Mausoleum Riedeman (17.11.2002)
Bild: Mosaik am Mausoleum Riedeman (17.11.2002)
Das Mosaik im Portalbogen über dem Eingang des Mausoleums Riedemann stellt Maria auf einem Hintergrund mit Rosenranken dar.

So wie einige andere Mausoleen auf dem Ohlsdorfer Friedhof ist auch dies Mausoleum nicht mehr im besten Bauzustand. Wilhelm Anton Riedemann ließ es 1905 im neoromanischen Stil in Andenken an seine 19-jährig verstorbene Tochter Sophie errichten. Das Konzept dazu stammt von Martin Haller (Architekt des Hamburger Rathauses) und für das Gebäudeinnere von Hermann Geißler.

In den 1950ern wurde das Mausoleum geräumt, die hier Bestatteten wurden in die Grabeskirche der Familie in Sorengo/Lugano überführt. Wilhelm Anton Riedemann und seine Frau Sophie geb. Bödiker (*1845; †1921) wurden jedoch nie in ihrem Hamburger Mausoleum beigesetzt.

Der am 8.Dezember 1832 am Meppener Markt geborene Wilhelm Anton Riedemann ließ sich 1863 als Kaufmann in Geestemünde (jetzt ein Teil der Stadt Bremerhaven) nieder. Sein Handel mit Petroleum in Geestemünde und später in Hamburg machten ihn in den folgenden Jahrzehnten zum Großunternehmer, „Petroleumkönig” und „Tankerkönig”. Wilhelm Anton Riedemann starb am 20. Januar 1919 oder 1920(?) in Lugano.[Auf der Riedemann-Gendenktafel in Meppen ist als Todesjahr 1920 angegeben. Wolfhard Weber: „Riedemann, Wilhelm Anton von” in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), Seite 568-569 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/ppn12353139X.html] gibt den 20. Januar 1919 an]

Wilhelm Anton Riedemann war Ehrenbürger der Stadt Meppen.

1890 gründeten er zusammen mit zwei weiteren Kaufleuten sowie der amerikanischen Standard Oil Company die Deutsch-Amerikanische Petroleum-Gesellschaft (DAPG). Das gesamte Aktienkapital wurde 1904 von der Standard Oil Company übernommen. Im Laufe der folgenden Jahre entwickelte sich die Gesellschaft weiter. Seit 1951 heißt sie „Esso AG”. Sie ist eine Tochter der Exxon Corporation.

Der Erfolg Riedemanns wird verständlich, wenn man weiß, dass erst ab etwa 1860 norddeutsche Kaufleute begannen, Petroleum und Petroleumlampen aus den Vereinigten Staaten einzuführen. Das Leuchtpetroleum löste das bis dahin für Beleuchtung verwendete Rüböl ab.

Petroleum wurde seit 1859 in den USA durch Erdölbohrungen systematisch gefördert. Es war ein preisgünstiger Brennstoff, der sich gut transportieren ließ. Er verbrennt hell und fast rauchlos. Noch bis 1920 war die Petroleumlampe das in Deutschland am häufigsten verwendete Beleuchtungsgerät.

Öl (es wurde damals Petroleum genannt) wurde anfangs in Holzfässern, später in eigens dafür hergestellten staugünstigen „Barrels” aus Holz oder Zinn auf normalen Frachtseglern transportiert. Die Holzfässer waren nicht dicht, und auf dem langen Weg aus Amerika gingen etwa 30% des Petroleums verloren.

1863 versuchte man, Petroleum in besonderen Tankschiffen zu transportieren. Der Schiffsrumpf diente als Tank. Er wurde dazu durch ein Mittellängsschott unterteilt. Diese Schiffe erwiesen sich als unsicher.

Riedemann kam auf die Idee, das Öl in den Trinkwassertanks zu transportieren. Die Segelschiffe hatten damals fest eingebaute Trinkwassertanks an Bord. Schiffe, die für die Ostasienfahrt ausgerüstet waren, schleppten auf der Atlantikstrecke naturgemäß zu große und zu viele Trinkwassertanks leer mit sich herum. Der erste Versuch war ein voller Erfolg, und Riemann baute in sein größtes Segelschiff „Andromeda” eiserne Petroleumtanks mit 13700 Barrel Fassungsvermögen ein. Ein Barrel Öl entspricht etwa 159 Liter. Wenn man die unglücklichen Tanker mit dem Mittellängsschott vernachlässigt, kann man Riedemann die Erfindung des Öltankschiffs zuschreiben.

1885 beschloss der Reichstag einen Einfuhrzoll für Fässer. Dieser Zoll war gegen die Einfuhr amerikanischen Petroleums gerichtet, denn er begünstigte russisches Öl. Das russische Öl wurde in Tankwagen nach Deutschland importiert. Möglicherweise war dies der Grund dafür, dass Riedemann ein mit Dampf angetriebenes spezielles Tankschiff bauen lassen wollte. Doch die deutschen Werften erklärten Riedemann für leichtsinnig: Das Feuer der Dampfmaschine würde die Öldämpfe in Brand setzen. So ließ Riedemann seinen ersten mit Dampf angetriebenen Öltanker im englischen Newcastle von der Armstrong & Mitchell bauen. Der „Germanische Lloyd” und „Lloyds Register” lehnten die Versicherung des Schiffes ab. Das französische „Bureau Veritas” genehmigte jedoch die Bauweise.

Zur Verringerung der Brandgefahr wurde die Maschine nicht in der Schiffsmitte, sondern am Heck angeordnet. Das Schiff erhielt ein Mittellängsschott. Zu beiden Seiten davon befanden sich jedoch kleine schmale Tanks. Diese Tanks waren durch absperrbare Rohrleitungen miteinander verbunden. Dadurch konnte beim Be- und Entladen ein Gewichtsausgleich erreicht werden. Dies erste Tankdampfschiff, die „Glückauf”, war über alles 97 m lang, 11,4 m breit und mit 2307 BRT vermessen. Sie life 10 Knoten. Wie damals üblich, hatte sie eine Hilfsbesegelung. 1886 trat die „Glückauf” von Hamburg aus ihre erste Reise nach Amerika an. Sie konnte 3000 Tonnen Öl transportieren.

Die Tankschiffe hatten einen weiteren Vorteil gegenüber dem Transport in Fässern, denn die Raumausnutzung bei der Fassbeladung war schlecht. Wegen der großen Stauverluste bei den Fässern konnten die Petroleumklipper nur mit halbem Ladungsgewicht fahren.

Riedemann hat im Stadtbild Hamburgs einige Bauten hinterlassen:

  • Der Petroleumhafen (gegenüber Waltershof) wurde nach seinen Vorstellungen gebaut.
  • In Hamburg erwarb er 1891 vom Kaufmann G. Michelsen eine hübsche Villa am „Alsterufer 27”. Die Villa ist heute ein Teil des Generalkonsulats der USA: Sie bildet, wenn man vor dem Generalkonsulat steht, den linken und größeren Teil des Gebäudes. Der rechte Gebäudeteil wurde von Riedemanns Geschäftspartner und Schwiegersohn Eduart Sanders bewohnt. 1950 erwarb die Regierung der USA beide Villen und verband sie. Der 1955 entstandene Verbindungsbau wird durch einen Vorbau mit vier Säulen geschmückt. Der Vorbau erinnert an das Weiße Haus in Washington DC. Um die Weihnachtszeit steht eine große mit bunten Lichtern geschmückte Tanne auf dem Vorbau.
  • Die Ecke Esplanade mit Neuer Jungfernstieg wird vom sogenannten ehemaligen Esso-Haus beherrscht.
  • Riedemann hat ein Vermögen für den Bau der Sophienkirche in Barmbek (Ecke Weidestraße/Elsastraße) gestiftet. Die Kirche wurde 1899/1900 zusammen mit einer katholischen Schule gebaut. Es ist eine dreischiffige Hallenkirche im neugotischen Stil. Die Barmbeker Katholiken kamen gegen 1890 auf die Idee, eine eigene Kirche zu bauen, denn die nächstgelegene für sie geeignete Kirche befand sich in St. Georg. Allerdings reichten die Spendengelder nicht aus. Das Ehepaar Sophie und Wilhelm Anton Riedemann stifteten die Finanzierung für den Bau und Einrichtung dieser Kirche. Um Sophie Riedemann zu ehren, wurde die Kirche nach der heiligen Sophie benannt. Die Gattin von Wilhelm Anton Riedemann und die jung verstorbene Tochter hießen Sophie.

Grundriss Mausoleum Riedemann

Bild: Grundriss Kapellenebene Mausoleum Riedemann (15.98.2008)
Der skizzierte Grundriss des Mausoleums Riedemann ist nicht maßstäblich. Er soll die innere Aufteilung der Kapellenebene des Mausoleums verdeutlichen.

Der Grundriss bildet ein Kreuz. In Ost-West-Richtung ist das Gebäude 17,5 m lang, in Nord-Süd-Richtung sind es 13,5 m. Die Grundfläche beträgt somit über 200 m². Der sichtbare Teil des Gebäudes ist über 18 m hoch. Im Hügel versteckt sich unter dem Gebäude die Krypta.

Dem Eingang gegenüber steht, auf erhöhtem Boden, der Marmoraltar mit einer fast lebensgroßen Darstellung der „Drei Frauen am Grabe Christi” am Ostermorgen. Der ebenfalls dargestellte Engel sagt ihnen gerade: „Fürchtet euch nicht. Ihr sucht Jesus. Er ist auferweckt worden, er ist nicht hier.”

Die Wirkung des Altars wird durch zwei doppelte bleiverglaste Bilderfenster ergänzt. Ein Doppelfenster zeigt, wie Christus nach seiner Auferstehung Maria Magdalena begegnet. Das andere Doppelfenster zeigt seine Begegnung mit den beiden Emmaus-Jüngern.

An den beiden Enden des Kreuzbalkens sind die Plätze für die Sarkophage freigehalten. Über diesen Stellplätze sind ebenfalls bleiverglaste doppelte Bilderfenster angebracht. Über dem linken Stellplatz ist die Szene „Auferweckung des Lazarus” in der Stadt Naim dargestellt, das Doppelfenster über dem rechten Stellplatz zeigte (das Fenster ist zerstört) die Auferweckung der Tochter des Jairus.

Somit haben diese christlichen Darstellungen in der Kapellenebene des Mausoleums das Thema „Auferstehung” gemeinsam.

Gottestacker.wordpress.com: Fotos des Altars und der zugehörigen Bildfenster sowie vom doppelten Bildfensder „Auferweckung des Lazarus”.


Der linke Stellplatz war für den Sarkophag des Wilhelm Anton Riedemann vorgesehen, der rechte war für den seiner Frau Sophie vorgesehen. Beide wurden jedoch hier nie beigesetzt.

Oberhalb des Eingangs befindet sich eine über die Wendeltreppe T2 erreichbare Empore für Musikdarbietungen. Neben dem Altar befindet sich die Wendeltreppe T1 zur Krypta (ein Stockwerk tiefer gelegen). Die Garderobe, der Pastorenraum und die Wendeltreppen sind über Türen zu erreichen, denn sie sind hinter Wänden versteckt und nicht sichtbar.

Das Innere des Mausoleums ist mit reicher Bemalung ausgestattet. So findet sich der staunende Besucher unter einem blauen(!) Sternenhimmel wieder.


Quelle zum Thema Riedemann -Mausoleum und gleichzeitig Literaturempfehlung: Jens Marheinecke, Helmut Schoenfeld: Der Petroleumkönig und sein Mausoleum, Hamburg 1994, 48 Seiten. Erhältlich beim Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof e.V., Fuhlsbüttler Straße 756, 22337 Hamburg.

Im Deutschen Museum (München) ist ein Modell der „Glückauf” ausgestellt. Von den dortigen Erklärungstafeln stammt der Hinweis zum ab 1885 erhobenen Einfuhrzoll und den Problemen mit der Schiffsversicherung. Leider untersagt die Hausordung des Museums den Besuchern die Veröffentlichung von Fotos aus dem Inneren des Museums im Internet (Stand Mai 2013).


Letztes Upload: 12.04.2017 um 12:54:10