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Werner von Siemens:
Die Ausstellungsbahn auf der Gewerbeausstellung Berlin 1879 und die Lichterfelder Straßenbahn

Bild: Gewerbeausstellung (8.4.2003 im Deutschen Technikmuseum Berlin)
In Berlin taten sich große Dinge - es wurde die elektrische Straßenbahn erfunden. Versuche mit kleinen elektrischen Lokomotiven, die ihren Akkumulator mitschleppten, gab es bereits seit 1840. 1879 zeigte die Firma Siemens & Halske auf der Berliner Gewerbeausstellung, dass es auch anders geht: Ein ortsfester Generator betrieb eine elektrische Kleinlokomotive (knapp 1 m Höhe, ca.1,5 m LüP, Spurweite 0,52 oder 0,49 m je nach Quelle).

Die kleine Bahn beförderte in 4 Monaten 86398 Passagiere auf ihrem 300 m langen Rundkurs. Es handelte sich um eine Grubenbahn für einen Auftrag in Cottbus von 1878, der sich jedoch zerschlagen hat. Die Lokomotive hatte immerhin 2,2 Kilowatt Leistung und war 13 km pro Stunde schnell. Mit allen drei Anhängern mit je sechs Fahrgästen schaffte sie noch 6 km pro Stunde.

Werner Siemens (1879 war er noch nicht geadelt) ließ es sich nicht nehmen, die Bahn am Eröffnungstag, dem 31.5.1879, selbst vorzuführen - wetten, dass es ihm unheimlich Spaß gemacht hatte? Davon abgesehen, wurde die Bahn von Carl Ludwig Frischen vorgeführt.

Die gesamte Ausstellungsbahn hatte 14452 Mark gekostet.[151, Seite 58] Auf den Geldwert von 2015 umgerechnet wären das 151000 €.

Bild: Gewerbeausstellung 1879 in Berlin, Briefmarke zur IVA1979
Nach Ende der Berliner Gewerbeausstellung wurde die kleine Bahn in Brüssel, London, Kopenhagen und Moskau vorgeführt.

Die Lokomotive blieb im Original erhalten - es ist eines der Sahnestücke des Deutschen Museums in München. Es gibt von dieser Bahn ein Foto. Es zeigt den Zug mit seinem stolzen Fahrer (vermutlich Carl Ludwig Frischen), der die Lokomotive wie ein Pferd reitet. Die Lokomotive zieht drei Wagen mit Ausstellungsgästen. Im Hintergrund des Bildes sind Ausstellungshallen zu erkennen. Das Bild ist ein Ausschnitt aus einer größeren Fotografie. Aufgenommen wurde sie im August 1879 im Zusammenhang mit einer Hochzeit. Unter Wikipedia, Berliner Gewerbeausstellung 1879, findet sich unter „Weitere Einzelheiten” eine entsprechende Anmerkung zu diesem Foto.

Die nächsten drei Fotos (aufgenommen am 8.4.2003 und 13.4.2008) zeigen Nachbauten des Ausstellungszuges im Deutschen Technikmuseum in Berlin und im DB-Museum in Nürnberg. Wenn man die nachgebaute Lokomotive mit der Originallokomotive vergleicht, fallen Unterschiede an den Rädern auf. Aber wir wollen nicht zu pingelig sein!

Bild: Ausstellungsbahn, Gewerbeausstellung Berlin 1879 (13.4.2008, DB-Museum Nürnberg)
Die Motorachse liegt in Längsrichtung des Fahrzeuges. Dementsprechend ragen die Statorwicklungen an beiden Seiten quer aus der Lokomotive heraus. Die Übertragung der Motorkraft an die Räder erfolgte über Zahnräder. Das Getriebe, soweit oberhalb des Rahmens eingebaut, befindet sich hinter dem Fahrersitz - also auf der Seite der Lok, an der die Wagen gehängt sind.

Das Getriebe war ein Wendegetriebe. Siemens wusste damals noch nicht, dass sich die Drehrichtung des Reihenschlussmotors durch Vertauschen der Stromanschlüsse am Kommutator oder Feld umkehren ließ. Erst 1881 führten Versuche mit der Bürstenverstellung zu dieser Erkenntnis.

Der Elektromotor wurde mit dem deutlich erkennbaren Stellhebel bedient. Durch langsames Zurücklegen des Hebels wurden die Vorwiderstände allmählich kurzgeschlossen. Wurde der Hebel jedoch ganz nach vorne gedrückt, presste er den hölzernen Bremsklotz an die Lauffläche des Rades.

Bild: Ausstellungsbahn, Gewerbeausstellung Berlin 1879 (13.4.2008 im DB-Museum Nürnberg)
Bild: Ausstellungsbahn, Gewerbeausstellung Berlin 1879 (8.4.2003 im Deutschen Technikmuseum Berlin)
Die Lichterfelder Straßenbahn von 1881
Bild: Lichterfelder Straßenbahn von 1881Sehr zum Verdruss von Siemens blieben die Kunden aus, die eine solche Bahn nach Muster der Ausstellungsbahn kaufen wollten. Vermutlich zähneknirschend baute Siemens auf eigene Rechnung eine Versuchs-Eisenbahn mit Straßenbahncharakter zwischen dem Bahnhof Lichterfelde der Berlin-Anhaltischen Eisenbahn (jetzt Lichterfelde-Ost) und der Berliner Haupt-Kadettenanstalt.
Siemens hatte dazu eine stillgelegtes Normalspurstrecke, die für den Bau der Kadettenanstalt angelegt war, erhalten. Er ließ die Strecke auf Meterspur umbauen.

Betriebseröffnung war am 16.Mai 1881. Die Meterspurstrecke war 2,5 km lang. Die 4,3 m langen und 1,9 m breiten Wagen mit ihren Mittelpuffern beförderten/besaßen je nach Informationsquelle

  • maximal 25 Fahrgäste
  • 12 Sitzplätze und 8 Stehplätze
  • maximal 26 Fahrgäste bei 12 Sitzplätzen.
Die zugelassene mittlere Geschwindigkeit betrug 20 km pro Stunde. Die Wagen erreichten eine Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h! Die Fahrt dauerte 10 Minuten. Wie auf dem Bild zu erkennen, waren die Wagen offenbar niedrig- der Herr auf dem hinteren Perron scheint fast die Wagendecke mit seiner Mütze zu berühren!

Die Stromaufnahme für den einen 5 PS starken Motor erfolgte über beide Schienen. Der Motor war unter dem Wagenkasten aufgehängt. Seine Kraft wurde durch „Spiralschnüre” (Riemen aus Schraubfedern(?)) auf beide Achsen übertragen. Der elektrische Strom gelangte von den Schienen auf die Räder. Deshalb waren auf einer Wagenseite die Räder mittels Holzbuchsen isoliert auf die Achse aufgesetzt. An den Rädern waren Schleifringe angebracht. Von den Schleifringen wurde der Strom durch kupferne Schleiffedern abgenommen.[44,Seite 17]

Die Fahrspannung betrug 180 Volt. Werner von Siemens berichtete, dass „die Pferde vier Beine haben und dadurch beim Passieren der Gleise oft gleichzeitig auf beide Schienen kommen. Sie erhalten dann eine elektrische Erschütterung, die sie verdrießlich stimmt.”[37]

Eine Tafel im  i Hannoverschen Straßenbahnmuseum zeigt, wie die Lichterfelder Straßenbahn angetrieben wurde.

Ortspolizei-Verordnung

Auf Grund des § 5 des Gesetzes vom 11.März 1850 und des § 62 der Kreis-Ordnung vom 13.Decbr.1872/19.März 1881wird hiermit für den Gemeindebezirk Groß=Lichterfelde unter Zustimmung des Amtsausschusses verordnet, was folgt:

§. 1.

Das unbefugte Betreten des Bahnkörpers der electrischen Eisenbahn in Gr.=Lichterfelde außerhalb der Wegübergänge ist untersagt.

§. 2.

Beim Ertönen der Signalglocke der electrischen Eisenbahn hat das Publikum sich überall von den Wegübergängen zu entfernen.

§. 3.

Zuwiderhandlungen gegen die vorstehenden Vorschriften werden mit Geldbuße bis zu 9 Mrk. oder im Unvermögensfalle mit verhältnismäßiger Haft bestraft.

Steglitz, den 14.April 1881.

Der Amts=Vorsteher.
Zimmermann

Die Trasse der Bahn lässt sich auf einem heutigen Stadtplan nachvollziehen.
  • Sie begann am Bahnhof Lichterfelde der Berlin-Anhaltischen Eisenbahn (jetzt Lichterfelde Ost) und verlief zunächst neben den Bahngleisen in Richtung Südwesten.
  • Auf Höhe der Schillerstraße bog sie in nordwestlicher Richtung ab und führte diagonal zwischen der Goethestraße und Giesendorfer Straße zur Bäke-Niederung (hier wurde später der Teltowkanal angelegt).
  • Nach Queren der Bäke-Niederung folgte die Trasse der Zehlendorfer Straße (heute Finkensteinallee) bis zur Eingang der Kadettenanstalt an der Ecke Sternstraße (heute Kadettenweg).
Der überwiegende Teil der Strecke verlief somit nicht als Straßenbahn.

Die Kraftstation und die Wagenhalle befanden sich auf dem Gelände des Lichterfelder Wasserwerks zwischen der Eisenbahn und der Bogenstraße etwa auf der Höhe Prinzenstraße.

Die an dem Genehmigungsverfahren der Bahn beteiligten Behörden stuften die Bahn als Sekundärbahn unter der Bezeichnung „Elektrische Eisenbahn” ein. Von der Betriebsabwicklung her war es eher ein Pferdebahn ohne Pferde.

Für den Betrieb reichte zunächst ein einziger Wagen. Die Fahrten wurden an den Fahrplan der Eisenbahn angepasst. Es hat sich um etwa ein Dutzend Pendelfahrten pro Tag und Richtung gehandelt.

Bereits in den ersten Betriebstagen gab es Schwierigkeiten mit den vierbeinigen Pferden und den stromführenden Gleisen. Daraufhin wurden die Gleise an den Überfahrstellen durch unterirdische Leitungen überbrückt und somit stromlos gestaltet. Ein zweiter Triebwagen wurde Ende 1881 in Betrieb genommen. An Sonntagen fuhren die beide Wagen zusammengekuppelt, denn Ausweichstellen waren nicht vorhanden. Bei der Art der Stromzuführung bereiteten Weichen bauliche Schwierigkeiten, denn eine Schiene kreuzt innerhalb der Weiche die andere - Kurzschluss!

1889 erhielt der Berliner Ingenieur Walter Reichel, ein Mitarbeiter von Siemens & Halske, das Patent DRP 53738 für den Bügelstromabnehmer. Im Jahr darauf wurde der Bügelstromabnehmer erstmalig eingesetzt- und zwar bei der Lichterfelder Straßenbahn auf dem neuen Streckenabschnitt von der Kadettenanstalt zum Bahnhof Lichterfelde der Berlin-Potsdam-Magdeburger Eisenbahn (heutiger Bahnhof Lichterfelde West). An der Übergangsstelle zwischen alter und neuer Strecke bzw. Stromzufuhr erfolgte eine selbsttätige Umschaltung der Stromabnahme während der Fahrt.

Der Bügel- oder Lyrastromabnehmer wurde bereits vorher seit 1887 auf der Lichterfelder Straßenbahn erprobt. Hier war ein Metallbügel auf dem Fahrzeugdach befestigt. Der Bügel wird durch Federn gegen die Fahrleitung gedrückt. Seine Form erinnert an den Rahmen einer auf den Kopf gestellten Lyra (griechisch, harfenähnliches Zupfinstrument). Oben an dem Metallbügel ist ein breites Schleifstück quer zur Fahrtrichtung montiert. Es hält den Kontakt mit dem Fahrdraht. Das Schleifstück besteht aus gepresstem und verleimtem Kohlenstoff. Beim Wechsel der Fahrtrichtung muss der Bügelstromabnehmer umgeklappt werden.

Informationsquelle für den farblich hinterlegten Teil: Wikipedia, Stichwort "Stromabnehmer".

1893 wurde der Ostteil der Strecke in der Wilhelmstraße (heute Königsberger Straße) neu gebaut. Bei dieser Gelegenheit wurde die gesamte Strecke auf Oberleitungsbetrieb umgestellt. Zusätzlich wurde die Fahrspannung von 180 auf 500 Volt erhöht. Die wesentlich erhöhte Fahrspannung erforderte die Beschaffung neuer Triebwagen. Ihre technischen Daten sind: Länge 6350 mm, Achsabstand 1600 mm, 12 kW, 16 Sitzplätze, 12 Stehplätze.

Der wagenbauliche Teil wurde von der Waggonfabrik van der Zypen & Charlier (Köln-Deutz) ausgeführt, die elektrische Einrichtung stammte von der Berliner Siemens AG. Es wurden 16 Triebwagen dieser Ausführung beschafft.

1895 wurde die Strecke zum Netz. Es kamen neue Straßenbahnlinien hinzu, so dass 1895 der Name in „Elektrische Straßenbahnen Groß-Lichterfelde - Lankwitz - Steglitz - Südende” geändert wurde. Die ehemalige Versuchsbahn wurde ein Bestandteil dieses Schmalspurstraßenbahnnetzes.

Am 1.April 1906 kaufte der Kreis Teltow das Netz. Es flossen 1,45 Mio Mark in die Firmenkasse von Siemens. Bewertet mit der Kaufkraft von 2007 wären dies 7,3 Mio €. Die Bahn lief nun gemeinsam mit der Dampfstraßenbahn Groß-Lichterfelde - Seehof - Teltow - Stahnsdorf unter dem Namen „Teltower Kreisbahnen”. Für die Dampfstraßenbahn zahlte der Kreis 0,85 Mio Mark.

Teltower Kreisbahnen (Schmalspur)
16.05.1881 Die weltweit erste elektrische Straßenbahn nimmt ihren Betrieb auf.
1893 Streckenerweiterung und erster Betrieb mit Bügelstromabnehmer auf der neuen Teilstrecken.
1895 Neuer Name: "Elektrische Straßenbahnen Groß-Lichterfelde - Lankwitz - Steglitz - Südende" und Netzerweiterung
01.04.1906 Der Kreis Teltow kauft die Bahn.
16.04.1921 Übernahme durch die „Berliner Straßenbahn”

Letztes Upload: 07.11.2016 um 07:21:59