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Der Sieger im
Johanneum (1929)

Kieler Straße Bereich 67 bis 74
(1927-29)

Auswahl-
seite Kuöhl

Richard Kuöhl und Kirchen:
Die Statue an der Bugenhagenkirche

Die sehr nüchtern und eigenwillig wirkende Bugenhagenkirche auf der Westseite des Biedermannplatzes ist ein Meisterwerk der Raumausnutzung: Der Gemeindesaal befindet sich unter dem Kirchensaal. Zum Kirchensaal kann man entweder die linke oder die rechte Freitreppe benutzen. Wer nicht Treppen steigen kann, mag den Fahrstuhl verwenden!

Die Anordnung des Kirchensaals über dem Gemeindesaal hat noch einen anderen Grund. Auf der anderen Seite des Biedermannplatzes steht die Konkurrenz. Es ist die katholische St. Sophienkirche. Wenn man seine Kirche auf ihren Gemeindesaal stellt, hat man schon einmal vier Meter an Höhe gewonnen!

Die Bugenhagenkirche ist kein Neubau mehr. Sie wurde von 1927 (Grundsteinlegung) bis 1929 erbaut. Der Architekt was Emil Heynen, sein Entwurf hatte den Namen „Eine feste Burg”. Der Baustil des mit Backsteinen verkleideten Stahlbetonbaus der Kirche hat den Namen „Neues Bauen”. Man wollte durch den nüchternen Baustil die Gleichung Kirche = mittelalterlich überwinden.

Auf der Informationstafel an der Kirche werden die Attribute „monumental” und „sakral” genannt.

Bild: Tonmodell der Bugenhagenkirche von Richard KuöhlIn der Nähe der Kirche an der Weidestraße steht sich eine öffentlich und dauerhaft aufgestellte Informationstafel der Geschichtswerkstatt Barmbek. Sie informiert über die Bugenhagen- und die Sophienkirche. Sie enthält auch das links gezeigte abfotografierte und überarbeitete Bild eines Tonmodells von Richard Kuöhl zum ersten Entwurf der Bugenhagenkirche von Emil Heynen (Stand: August 2004; hinter dem Kirchenschiff spiegeln sich die Kamera und die Finger meiner Hand in der Scheibe vor der Informationstafel). Emil Heynen hat den Entwurf noch einige Male verbessert.
Bild: Bugenhagenkirche in Hamburg-Barmbek, Straßenseite Bild: Bugenhagenkirche in Hamburg, Statue Bugenhagen
Bild links: Statuen Bugenhagen, Wegedorn und Ziegenhagen
Bild rechts: Statue Bugenhagen
Bild: Bugenhagenkirche in Hamburg, Statuen Bugenhagen, Wegedorn und Ziegenhagen
Bild: Bugenhagenkirche in Hamburg
Die 5 großen Klinkerstatuen haben mich an Richard Kuöhl erinnert. Tatsächlich stammt nur die mittlere Klinkerstatue von ihm. Es fällt auf: Die mittlere Figur hat das Sagen, denn die Figuren zu ihren Seiten blicken zu ihr hin. Sie stellt den Namensgeber der Kirche, den Reformator Johannes Bugenhagen, dar. Es ist kein Zufall, dass diese Kirche genau 400 Jahre nach der Hamburger Reformation (1529) fertiggestellt wurde.

Alle fünf Statuen stellen dar (von links nach rechts):

  • Kempe von Friedrich Wield
  • Wetken von Alphons Ely
  • Bugenhagen von Richard Kuöhl
  • Wegedorn von Alphons Ely
  • Ziegenhagen von Friedrich Wield

Johannes Bugenhagen wurde am 24.Juni 1485 in Wollin (Pommern; daher seine Beinamen Dr. Pommer oder Pomeranus) geboren. Er starb am 20.April 1558 in Wittenberg/Elbe. Er war Zeitgenosse und Gehilfe von Martin Luther (dieser lebte von 1483 bis 1546). 1523 wurde Johannes Bugenhagen Stadtpfarrer in Wittenberg. Auf dem Kirchplatz der Stadtkirche St. Marien in Wittenberg steht sein Denkmal. Am gleichen Kirchplatz in Wittenberg steht heute noch das „Bugenhagenhaus”. Er führte zwischen 1528 und 1544 die Reformation ein (d.h., er reorgansierte das Kirchen- und Schulwesen) in Braunschweig-Wolfenbüttel, Hildesheim, Hamburg, Lübeck, Schleswig-Holstein, Pommern und Dänemark. Außerdem übertrug er Luthers Bibelübersetzung ins Plattdeutsche (1534).

Stephan Kempe war Vorbereiter der Reformation in Hamburg. Der damalige Bürgermeister Johannes Wetken und der Oberalte Wegedorn waren für die Hamburger Reformation in Hamburg wichtige Laien. Über Ziegenhagen habe ich nichts gefunden.

Auch gründete Johannes Bugenhagen in Hamburg das Johanneum [vergl. dazu: Der Sieger im Johanneum (1929)].

In dem Roman Petra Oelkers: Die zerbrochene Uhr, Hamburg 1999, fand ich den Hinweis, dass er von Oktober 1528 bis Mai 1529 in Hamburg wirkte. Er war willkommen, denn er erhielt von den drei Bürgermeistern der Stadt einen Ohm (152 Liter) Wein, zwei Tonnen (146 Liter) Bier und einen fetten Ochsen.

Nun darf man es sich nicht so vorstellen, dass er ohne Aufforderung oder gar unangemeldet nach Hamburg kam. Zuvor fand eine große Disputation (Streitgespräch) zwischen altgläubigen und reformatorischen Predigern im Hamburger Rathaus statt. Wortführer der Reformatoren war der Franziskaner Steffen Kempe aus Kempen im niederländischen Geldern. Die Disputation dauerte 11 Stunden. Der damalige Bürgermeister Dr. Heinrich Salsborg, ein Amtsvorgänger von Johann Wetken, bat daraufhin Martin Luther um Entsendung von Johannes Bugenhagen nach Hamburg. Bugenhagen traf genau am 9.Oktober 1528 in Hamburg ein. Die Hamburger Reformation wird sehr nett im Stil eines Zeitungsartikels in dem Buch Erik Verg: Das Abenteuer das Hamburg heißt, Hamburg 1977, geschildert.

Der Wechsel der Konfession erforderte tiefgehende gesellschaftliche Reformen. Diese führte Johannes Bugenhagen durch. In nicht einmal einem Jahr entwickelte er gemeinsam mit den Bürgern „Der Ehrbaren Stadt Hamburg Christliche Ordnung”. Die neue Ordnung wurde im Mai 1529 feierlich verkündet. In keiner anderen deutschen Stadt verlief die Reformation so friedlich.

Drei Dinge sind besonders hervorzuheben:

  • Die Einrichtung einer organisierten Sozialfürsorge durch die „Oberalten”.
  • Die Öffnung der Schulen für die Bürger. Vorher dienten die Schulen in erster Linie der Priesterausbildung.
  • Die mit der Reformation neu definierte Unterscheidung von Kirche und Stadt beendet die klerikale Bevormundung der Stadt durch die Kirche. Die Geistlichen und die Laien bilden die Gemeinschaft der Gläubigen und wirken gemeinsam zum Wohle der Stadt.

Das Kollegium der Oberalten

Das Kollegium der Oberalten setzt sich aus jeweils drei Gemeindeältesten der Hamburger Hauptkirchen St. Petri, St. Nikolai, St. Katharinen, St. Jacobi und St. Michaelis zusammen.

Mit der Hamburger Reformation bekam das Kollegium der Oberalten seine größte Bedeutung als das neben dem Rat wichtigste politische Gremium der Stadt. Ebenfalls seit der Reformation verwalteten die Oberalten das Vermögen der Klöster und Hospitäler im gemeinsamen „Gotteskasten” zur Versorgung der Bedürftigen. Somit wurden die Spenden nicht mehr willkürlich verteilt, sondern in einer organisierten Sozialfürsorge.

Erst mit der im August 1859 beschlossenen neuen Hamburger Verfassung endete die staatspolitische Mitwirkung der Oberalten.

Das Kollegium der Oberalten verwaltet heute ein großes Altersheim in Hamburg-Poppenbüttel, das Hospital zum Heiligen Geist.


Eine schlechte Nachricht (Stand: September 2003)

In der Tageszeitung „Hamburger Abendblatt” vom 11. und 12.September 2003 erschienen zwei Artikel zur Bugenhagenkirche. Sie besagten, dass die Bugenhagen-Gemeinde faktisch pleite ist. Die Bedienung der Kredite zur Renovierung der Kirche (1996-1998) vertilgte einen wesentlichen Teil des Gemeindeetats. Die Renovierung hatte 3 Millionen € gekostet. Somit wird die Gemeinde der Bugenhagenkirche ihre Kirche abgeben müssen. Man sucht gegenwärtig (Mitte September 2003) nach einer alternativen kirchlichen Nutzung. Wird man nicht fündig, käme eine kirchlich-kulturelle oder nur kulturelle Nutzung in Betracht. Wenn auch daraus nichts wird, würde man versuchen, Gelände und Gebäude an die Stadt Hamburg zurückzugeben.

Nachtrag August 2004: Im „Barmbeker Wochenblatt” vom 15.September fand ich den Hinweis, dass die Bugenhagenkirche als Gemeindekirche aufgegeben worden ist. Sie wird als Baudenkmal erhalten bleiben.

Letztes Upload: 19.12.2018 um 08:57:16