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Einheitsstraßenbahnwagen (ESW) und Kriegsstraßenbahnwagen (KSW)

Der Düsseldorfer Niederflurwagen
Die Rheinische Bahngesellschaft in Düsseldorf hatte Niederflurwagen beschafft. Die Fahrgäste konnten sich über eine niedrige Einstiegshöhe von 625 mm freuen. Die Doppeltüren der Wagen waren bis zur untersten Stufe herabgezogen und hatten keine Griffstangen mehr, so dass die Fahrgäste nicht mehr aufspringen konnten. Zum Aufspringen läuft man neben dem anfahrenden Wagen her, greift mit der linken Hand nach der Haltestange neben dem Einstieg und hechtet auf die unterste Wagenstufe. Ohne Haltestange und bei geschlossener Tür ist dies unmöglich!

Dieser Niederflurwagen wurde als „Einheitstyp” für mehrere Straßenbahnbetriebe gebaut: Bielefeld, Braunschweig, Bremerhaven, Ennepe / Wuppertal, Mühlheim an der Ruhr, Neuss, Recklinghausen und Remscheid. Die meisten Einheitstyp-Niederflurwagen liefen in Düsseldorf: von 1937 bis 1943 beschaffte die Rheinische Bahngesellschaft zusätzlich zu zwei bereits vorhandenen Probewagen 62 Triebwagen und 40 Beiwagen. Diese Fahrzeuge waren bis 1972 im Einsatz.

Die Einheitsstraßenbahnwagen (ESW)
1938 gründete das Reichsverkehrsministerium das Vereinheitlichungsbüro mit Sitz in Nürnberg. Das Büro stellte die Anforderungen und konstruierte die Typreihe der Einheitsstraßenbahnwagen.

Die neue Typreihe sah die Bauarten ET2/EB2 und ET4/EB4 vor. 1941 kam der Type ET3/EB3 hinzu. Schlüssel für die Typenbezeichnung:

  • E = Einheitsstraßenbahnwagen
  • T = Triebwagen
  • B = Beiwagen
  • 2, 3, oder 4 = Achsanzahl des Wagens
TypeLänge über Blech
[m]
Radstand im Fahr- oder Drehgestell
[m]
Drehzapfenabstand
[m]
ET2/EB210.943,20-
ET3/EB310,942,35 + 2,35-
ET4/EB413,261,805,30

Als Grundlage für den ET2/EB2 diente dabei der Düsseldorfer Niederflurwagen. Mit der konstruktiven Überarbeitung wurden die Waggonfabrik Uerdingen Werk DÜWAG, die AEG und das Sachsenwerk beauftragt.

1941 wurden dafür die ersten Aufträge für Serienfahrzeuge entgegengenommen. Viele Fahrzeuge konnten nicht gebaut werden - insgesamt waren es 20 EB2 für Berlin und 10 EB2 für Hannover.

Anscheinend von Anfang an erfolgte die Entwicklung des ESW schleppend. Die „Werke der Stadt Halle Aktiengesellschaft” (WEHAG) preschten vor und schlossen bereits 1938 mit ihrem Fahrzeuglieferanten Waggonfabrik Gottfried Lindner AG in Ammendorf einen Vertrag über den Bau eines Prototypwagens ET2 für Meterspur ab. Der Prototyptriebwagen sollte 1940 auf der Internationalen Verkehrsausstellung in Köln vorgeführt werden. Die Ausstellung fiel aus, der Probewagen blieb bis 1962 in Halle im Einsatz - nach einem Kurzschluss brannte er am 09.12.1962 aus und wurde verschrottet. Eine Beschreibung dieses Wagens und ein hübsches Farbfoto ist in [41] zu finden.

Lindner baute 1940 für die Merseburger Überlandbahn (MÜBAG) 8 Triebwagen nach den Grundsätzen der geplanten ET4. 1941/42 kamen 8 passende EB4 hinzu. Dieser „Ammendorfer Vierachser” waren etwas kürzer als die geplanten ET4/EB4 und hatten einen kleineren Drehzapfenabstand.

Der Kriegsstraßenbahnwagen

Das Nürnberger ESW-Konstruktionsbüro hatte am 31.12.1941 seine Arbeit eingestellt und war aufgelöst worden.

1942 intervenierte das Reichsministerium für Beschaffung und Munition gegen den Neubau von Straßenbahnwagen. Der Reichsverkehrsminister schrieb am 8.7.1942 an die Straßenbahnaufsichtsbehörden, daß für die Dauer des Krieges, soweit Straßenbahnwagen überhaupt gebaut werden können, hierfür mit Rücksicht auf die Kriegsfertigung nur ein in jeder Hinsicht vereinfachter und besonders leichter Kriegswagentyp in Frage kommt...[Reichsverkehrsblatt 1942 Ausgabe B Nr. 17, S. 119]

Kurz vorher war ein „Arbeitsausschuss Straßenbahnwagen” gebildet worden. Er sollte in kürzester Frist eine „Entfeinerung” des gerade entwickelten Einheitsstraßenbahnwagens (ESW) planen. So entstand der Kriegsstraßenbahnwagens (KSW).

Auszug aus dem Rundschreiben Nr. 28 (Stra.) der Reichsverkehrsgruppe Schienenbahnen vom 14.5.1942:

c:) Bau eines Kriegswagens. Mit Rücksicht auf den bei einigen Verwaltungen bestehenden dringenden Bedarf an Straßenbahntrieb- und -beiwagen hat sich der Minister für Bewaffnung und Munition bereiterklärt, den Bau eines einzigen Typs von Trieb- und Beiwagen für Meter- und Regelspur als sogen. „Kriegswagen” zuzulassen.

Voraussetzung hierfür ist, daß
1. nur der allerdringlichste Bedarf berücksichtigt wird und
2. nur ein Wagen in einfachster Ausführung vorgesehen wird.

Für den Kriegsstraßenbahnwagen wird die gleiche Dringlichkeitsstufe wir für Güterwagen der Reichsbahn gegeben...

Es wird nur ein zweiachsiger Typ für Meter- und Regelspur gebaut, drei- und vierachsige Wagen scheiden aus...

Die Platzanzahl soll sich etwa in der Höhe des ESW bewegen. Vielleicht wird aber noch die Sitzplatzanzahl zu Gunsten der Stehplätze verringert, um das Fassungsvermögen zu erhöhen...

Der KSW wurde in einfachster Bauweise geplant. Er erhielt einen Ganzstahlaufbau, ein stark vereinfachtes Fahrwerk mit zwei Achsen und hatte keinerlei technische Besonderheiten wie Niederspannungsanlage, optisch-elektrische Signaleinrichtung, Sprechanlage, motorische Türbetätigung oder gar automatische Fahrzeugkupplungen. Zwar war der Innenraum nur 4,3 Meter lang, jedoch brachten die langen Plattformen den Wagen auf immerhin 10,4 m Länge über Blech.

Nur heimische Rohstoffe sollten verwendet werden, und die auch nur sehr sparsam: Scheibenräder aus Holz, Bremsklötze aus Beton, keine Innenverkleidung, keine Zwischentüren. Die Wagen erhielten nur 12 Sitze aber sehr viel Platz für stehende Fahrgäste und große Plattformen und breite Schiebetüren zum schnellen Fahrgastwechsel. Jede Fahrgast, der einen Sitzplatz ergattert hatte, saß am Fenster, denn der Wagenkasten hat auf jeder Seite genau drei Fenster. Die KSWs wurden bis 1950 für über 20 Städte gebaut.

Die KSW wurden für Normal- und Meterspur gebaut. 1943 wurden die Wagen mit 3 m Achsabstand und 700 bzw. 770 mm Laufkranzdurchmesser ausgeliefert. 1944 wurden die Fahrgestelle noch weiter vereinfacht: 2,92 m Achsabstand und Eisenbahn-Laufradsätze mit 850 mm Durchmesser.

1944 erhielt die Magdeburger Straßenbahn vier KSW-Beiwagen. 1968/69 wurden davon drei an die Woltersdorfer Straßenbahn abgegeben.

Der erste Prototyp des KSW-Motorwagens wurde zunächst durch die Berliner Straßenbahn getestet. 1944 ging er unter der Betriebsnummer 7 zur Woltersdorfer Straßenbahn. Bei der Woltersdorfer Straßenbahn kann man ihn - sogar mit einem KSW-Beiwagen - für Sonderfahrten chartern. Nachfolgend die Fahrzeugdaten Stand 2008:

KSW MotorwagenKSW Beiwagen]
Baujahr:19431944
Hersteller:Waggonfabrik Uerdingen/AEGWaggonfabrik Uerdingen
Motor:2*60 kW
Sitzplätze:12 quer20 quer
Stehplätze:5064
Bild: KSW-Triebwagen, September 2003 in Wien, ©GuenterZ
Wiener Kriegsstraßenbahnwagen mit älterem Beiwagen: In Wien konnte 1945 der erste von 30 neuen „Kriegsstraßenbahnwagen” eingesetzt werden. Gebaut hatte sie die Heidelberger Waggonfabrik Fuchs. Das im September 2003 aufgenommene Foto zeigt einen Museumszug in Wien. Ein weiterer Kriegsstraßenbahnwagen wird in im Wiener Straßenbahnmuseum „Remise” ausgestellt.
Bis vor Kriegsende wurden KSWs der Serienfertigung nach München, Danzig, Dresden, Duisburg, Frankfurt am Main, Kattowitz, Köln und Magdeburg geliefert. Eine Informationstafel im Magdeburger Straßenbahnbetriebshof Sudenburg besagt (Stand 2006), dass bis zum Kriegsende 55 KSW-Beiwagen und 67 KSW-Triebwagen gebaut wurden. Nach dem Kriegsende wurden die KSWs weiter gefertigt, so dass die meisten der KSWs „Friedensstraßenbahnwagen” waren. Insgesamt wurden 148 Trieb- und 313 Beiwagen in den Jahren 1946 bis 1950 gebaut.

Nach dem 2. Weltkrieg wurden die KSWs häufig modernisiert. Beispielsweise wurden Kleinspannungsanlagen, Druckluftbremsen oder motorische Türbetätigung nachgerüstet.

Auch die hannoversche ÜSTRA erhielt bis 1950 vier Triebwagen und 24 Beiwagen. Die Beiwagen wurden später auf 20 Sitze aufgerüstet und waren bis 1976 im Einsatz.

Einer dieser KSW-Beiwagen kam nach seinem Einsatz bei der ÜSTRA zum Hannoverschen Straßenbahnmuseum (HSM). 2001 gelangte er nach Magdeburg. Dort wurde er in den Magdeburger Zustand von 1959 versetzt. Der aufgearbeitete Wagen wurde am 6.Mai 2004 der Öffentlichkeit vorgestellt.

Die Magdeburger bezeichneten diese Wagen dieses Typs als „Viehwagen”, obwohl sie ein reichhaltige Angebot an Stehplätzen boten. Oder war es gerade deshalb ?


Quellen:
[41],[42] und [109]
www.wikipedia.de, Stichwort Kriegsstraßenbahnwagen

Bildquelle:
www.wikipedia.de, Stichwort Kriegsstraßenbahnwagen, Wiener Museumszug, Aufnahmedatum 9/2003, ©GuentherZ, Lizenz Lizenzvariante: Namensnennung und Weitergabe unter gleichen Bedingungen.

Literaturempfehlung: [109]. Das Buch beschreibt sehr detailliert die Entwicklungsgeschichte des Einheitsstraßenbahnwagens bis zum Kriegsstraßenbahnwagen. Das Heft 11/12 vom Juni 1941 der Zeitschrift „Verkehrstechnik” behandelte auf seinen 68 Seiten ausschließlich das Thema „Einheitsstraßenbahnwagen”. Ein vollständiger Abdruck des Heftes ist dem Buch als Anhang beigefügt.

Letztes Upload: 06.12.2018 um 11:15:10