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Textauszüge aus Melhop: Historische Topographie der Freien und Hansestadt Hamburg von 1895 bis 1920.
Mit Nachträgen bis 1923/24
II. Stadtteile und Vororte

Band 1/Seite 4

II. Stadtteile und Vororte.

Stadtgebiet.

Grenzen und Höhenzahlen der einzelnen Stadtteile und Vororte s. Band 1/Seite 6 und Band 1/Seite 7.

Allgemeines.

Allgemeine Übersicht.

Die Zeit, da die Stadt Hamburg noch auf der Karte ein rundliches Aussehen hatte, im Osten und Westen eingefasst von den beiden Vorstädten, ist lange dahin. Lange vergangen ist auch die Zeit, da man von Wiezels Hotel aus gesehen den ganzen Hamburger Hafen zu Füßen hatte. Band 1/Seite 5

Manches bestehende stammt zwar noch aus der alten Zeit her, da die Stadt klein und die Vororte entfernt waren, wo man in weiten Gärten seine Kinder aufzog und die Männer vom Kontor mit dem Omnibus nach Hause gefahren kamen — eine Fahrt nach Wandsbek war in jenen Zeiten ein gewichtiges Unternehmen. Heute aber sind auch die oberen Vororte am Becken der Außenalster längst Stadtteile, ja viele Familien wohnen schon in den ehemaligen Geestdörfern am oberen Alsterlauf, in den preußischen Orten längs der Elbchaussee, in Marienthal, in Bergedorf und Billaufwärts am Sachsenwalde.

Meist war es nicht wie bei anderen Städten, ein langsames Wachsen, das bei uns mitunter ganze Stadtviertel mit all ihren Gebäuden aus dem Zeitbild Hamburgs schwinden ließ, sondern in der Regel gaben außerordentliche Umwälzungen hierzu den Anstoß, so der Brand von 1840, die Sanierungen im Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts und weiterhin die Eisenbahnumgestaltungen, wie auch die Hochbahn. Die den auftretenden Bedürfnissen stets mit Schnelligkeit angepassten Veränderungen ließen, namentlich früher, wenig Zeit, auf dabei untergehende ältere Bauwerke zu achten; so kam es, dass wenig Wissenswertes und des Aufbewahrens Würdige aus Alt-Hamburg der Nachwelt überliefert worden ist.

In der hier angedeuteten Zeitspanne nahm die Stadt dauernd an dem Aufschwung des deutschen Handels größten Anteil, derart, dass, da der Weg zur See und die Hafenanlagen sowie die damit zusammenhängenden Bauausführungen stets das Vorrecht hatten, während die städtebaulichen Arbeiten öfters kaum mit den Anforderungen der Zeit Schritt halten konnten. Die Folgen der großen Verschiebungen in den letzten Jahrzehnten wirkten aber überall im Gebiet des Stadtstaates.

Voran ist hier die allgemeine Wanderung ganzer Einwohnerschaftsmengen gemeint, die in Fluss kamen infolge der Zollanschlussbauten und der großen Sanierungsabbrüche, daneben gleichzeitig das gewaltige Wachstum der Stadt; immer neue Teile der Vororte und des Landgebiets wurden besiedelt. Neue, oft eng bebaute Viertel wuchsen empor in der Niederung des Hammerbrooks, des Billwerder Ausschlags und der Veddel, in den flachen Tälern des Isebek, Eilbek und Osterbek; die weitgedehnte Barmbeker Feldmark ist größtenteils mit bebauten Straßen bedeckt und an den ehemals nur mit Gartenhäusern weitläufig besetzten Abhängen von Borgfelde und Hamm schossen vielstöckige Miethäuser empor.

Band 1/Seite 8 Das Stadtbild hat sich so gestaltet, dass an den Ufern der Elbe vorzugsweise die Stätte der Arbeit liegt, während sich im breiten gründurchwirkten Bogen nordwärts herum die Wohnstadt lagert, die sich in Umgebung der Alster und an dieser aufwärts zur Gartenstadt entwickelt.

Aber auch in die preußischen Nachbargemeinden strömten die Wohlhabenden, und zwar mehr als früher, aus der inneren Stadt ab oder sie wurden von den vordringenden Bevölkerungsmassen aus ihren friedlichen Landsitzen in Eimsbüttel, Eppendorf, Uhlenhorst, Hohenfelde, Hamm und Billwerder über die Grenze getrieben.

Die Umgestaltungen des Stadtbildes ruhen nicht, immer schließt sich eine neue an die kaum vollendete; aber der Hamburger ist es so sehr gewohnt, Millionenentwürfe der Vollendung entgegengeführt zu sehen, dass sie für ihn nicht viel mehr als Ereignisse sind, die außer den Nächstbeteiligten und den Anwohnern weitere Kreise nur flüchtig berühren; auch hat sich das Stadtgebiet so ausgedehnt, dass man in dem einen Stadtteil kaum erfährt, welche Veränderungen in dem anderen vorgehen; so kommt es, dass selbst einschneidende Umgestaltungen die Aufmerksamkeit der Mehrheit der Bevölkerung nur vorübergehend in Anspruch nehmen.

Von der Gegenwart kaum beachtet vergeht das Alte; das neue, Große, Nützliche und Schöne blüht unbemerkt machtvoll auf.

An der Elbe, Alster und Bille baute man seit Jahren bis zum Kriegsausbruch unausgesetzt neue Straßen, schaffte neue Anlagen und Plätze für Gewerbe, Industrie und Wohngelegenheit.

An der Elbe, Alster und Bille baute man seit Jahren bis zum Kriegsausbruch unausgesetzt neue Straßen, schaffte neue Anlagen und Plätze für Gewerbe, Industrie und Wohngelegenheit.

Hinter der Werft von Blohm & Voss auf Kuhwerder sind große Häfen entstanden und die Pachthöfe der Elbinseln westlich des Köhlbrand mussten ebenfalls den immer umfangreicher gestalteten neuesten Seehafenanlagen geopfert werden, deren endgültige Ausgestaltung aber durch den Ausbruch des Krieges verzögert wurde.

Mit dem Tunnel unter der Elbe von St. Pauli nach Steinwerder fiel eine weitere Schranke, die die Stadt von dem neuen Entwicklungsgebiet trennte, das sich dort jenseits der Elbe aufbaut und vornehmlich für die Geschäftsstadt zu hervorragender Bedeutung emporwächst. Die Schaffung des neuen Hafenbezirks westlich vom Köhlbrand bedeutet ein weiteres Vorrücken des Stadtgebietes nach Westen, der Nachbarstadt Altona gegenüber. Der Steinwerder und Waltershof trennende, bedeutend verbreiterte und zum Nutzen von Harburgs Hafen vertiefte Köhlbrand wurde durch eine große Fähre überquert, die ganze Eisenbahnzüge hinüberträgt.

Band 1/Seite 9 Das Bett des Elbstroms ist ebenfalls vertieft und geregelt; mit den herausgeschafften großen Sandmassen höhte man die Stromufer und die benachbarten Marschstrecken auf; um in letztere eindringen zu können, sind Kanäle gebaut, auf der Peute, von der Elbe zur Bille, im Gebiet des Hammerbrooks, des Billwerder Ausschlags, sowie des Billbooks, wo nach beschaffter Aufhöhung lange breite Straßen entstanden sowohl für Wohn- wie Industriezwecke.

Auch die Alster wurde kanalisiert, um ihr ländlich ruhiges Wiesental bis Fuhlsbüttel hin der Bebauung aufzuschließen; die völlige Durchführung dieses Planes hat der Krieg wesentlich verzögert.

Gewaltige Veränderungen riefen die Eisenbahnumbauten hervor. An Stelle des Berliner Personenbahnhofs entstand ein großer Marktplatz und da, wo am Glockengießerwall stille Wallanlagen sich hinzogen, an der Kirchenallee die alten Friedhöfe eine im Sommer grün umwucherte Wildnis bildeten, erhebt sich der Hauptbahnhof mit seinem lebhaften Verkehr, der dort von allen Seiten fast ohne Unterbrechung durch Dampf und Elektrizität getriebene Züge ein- und ausrollen lässt.

Der Hauptbahnhof ist auch die Ursache, dass das ebenso ernst-sittsame St. Georg zum Mittelpunkt eines etwas unruhigen, vergnügungssüchtigen Reisevolks wurde, während das vorher lustige und ein wenig leichtfertige St. Pauli viel von seiner früheren Anziehungskraft verloren hat.

In der innere Stadt selbst, die sich unaufhaltsam aus einer Wohnstadt in eine reine Geschäftsstadt umwandelt, hat die Sanierung derartig aufgeräumt, dass sich ein alter Hamburger dort kaum noch zurecht findet; die wegen des Zollverschlusses nötig gewordenen Abbrüche sind durch die neuen Niederlegungen ganzer Wohnviertel in Alt- und Neustadt in den Schatten gestellt und wo einst Höfe, schmale Gänge und altertümlich-krumme Straßen mit baufälligen Fachwerkgebäuden standen, findet man jetzt breite Verkehrszüge mit gesunden Wohnhäusern oder mit großen Geschäfts- und Kontorbauten, den eigenartigen Stätten des Wirkens und der Gestaltung des neuzeitliche hamburgischen Kaufmannsgeistes. Diese in keiner anderen deutschen Stadt so eng vereinigten Kontorgebäude haben mit ihrem eigenartigen Stil in wenigen Jahren das Antlitz des Kernes der Hansestadt gewandelt und bringen das eigentliche Wesen der Geschäftsstadt sichtbar zum Ausdruck, während das Kolonialinstitut die wissenschaftliche Band 1/Seite 10 Ausprägung der Eigenart der alten Seehandelsstadt darstellte, bis der durch den unglücklichen Ausgang des Krieges verschuldete Raub aller deutschen Kolonien dessen Bedeutung vorerst zurückdrängte.

Die Hochbahn, deren Bau die Sanierungsarbeiten in der Altstadt wesentlich förderte, verbindet den Stadtkern mit den Vororten und der Umgebung, die Straßenbahn durcheilt auf weit hinausführenden Radialstraßen das ausgedehnte Gebiet, der Verkehr treibt und drängt überall zu immer neuen Veränderungen, Wie lange wirds dauern und von dem alten Stadtbild Hamburgs, von den alten Straßenzügen, die man in der Jugend liebgewonnen hat, ist kaum noch etwas zu finden.

In den letzten Jahren fällt die Verdopplung der Einwohnerzahl zusammen mit derjenigen der Hafenfläche, beide beeinflusst bzw. verursacht durch das Anwachsen sowohl des überseeischen als auch des binnenländischen Handels und Verkehrs. Aus beiden Anlässen erwuchsen der Stadt große und schwere Aufgaben, die allein schon daraus erhellen, dass der Staatshaushaltsplan von 1895 mit 90 Millionen Mark auf 292 Millionen Mark für 1914 anwuchs, d.h., sich in rund einem Jahrzehnt verdreifachte.[1] Zu bewältigen waren während dieses Zeitabschnitts abgesehen von den Hafenbauten und der Elbvertiefung in der Hauptsache: die Versorgung mit gesundem Wasser, der Bau neuer Entwässerungsanlagen und Kläreinrichtungen, die großen Straßendurchbrüche, der Neubau der St. Pauli Landungsbrücken, daneben die Festlegung eines Bebauungsplanes für das Stadt- und Versorgungsgebiet, die Neuordnung der Verwaltung, sowie der Bau einer ganzen Anzahl höherer Schulen und wissenschaftlicher Anstalten für das wachsende Bedürfnis der Bevölkerung nach höherer Bildung, als erfreuliches Zeichen zunehmenden Wohlstandes.

Immer weitere Gebietsteile saugte die sich ausdehnende Stadt auf, 1912 wurden die bisherigen Landgemeinden in der Nachbarschaft der Stadt zu r„Vororten”, da die Bebauung noch zu gering war, um diese gebiete den Stadtteilen gleichzustellen. Für den zum Vorort erhobenen Teil von Billwerder war der Name „Billbrook” gewählt. Veranlasst durch die Ausdehnung der Hafenanlagen westwärts bis zum Köhlfleet und den Bau großer Werftanlagen ward 1919 Finkenwerder ebenfalls zum Vorort gemacht, weitere Eingemeindungen stehen in Aussicht (Walddörfer).

Der 1914 ausgebrochene Krieg hat die fernere gedeihliche Entwicklung Hamburgs verzögert, ja teils zum Stillstand Band 1/Seite 11 gebracht; an die Stelle des Überflusses von Wohnungen ist, mit verursacht durch die 1916 erlassenen Baubeschränkungen, eine immer noch steigende Wohnungsnot getreten, die den Staat zu den allergrößten Opfern zwingt.

Fußnoten
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  • [1] Bei der Angabe „verdreifachte” hat Melhop die Inflation nicht berücksichtigt. Von 1895 bis 1914 betrug sie 16%, so dass sich mit 292*(1-0,16)/90 eine bereinigte Vervielfachung auf das ca. 2,7-fache errechnet. Angesichts der genannten Verdopplung der Einwohnerzahl erscheint die Veränderung der Größe des Staatshaushalts gar nicht mehr so gewaltig!
Letztes Upload: 16.10.2019 um 16:33:48