Ohlsdorfer Friedhof • Nordteich und Stiller Weg:
Das Grab von Richard Josef Luksch und die Statue „Ein Frauenschicksal”

Grabkreuz Günther Mohr Kapelle 8, das Kolumbarium
Etwa 30 Meter westlich vor der Straße „Westring” steht das auf der vorigen Seite beschriebene geschmiedete Grabkreuz für Günther Mohr. Dort sind wir nur rund 30 m vom Grab des Bildhauers Richard Josef Luksch entfernt. Dessen bekanntestes Werk dürfte der geschnitzte alte schwarze Eichenstamm in der U-Bahn-Station Jungfernstieg der Kelljung-Linie sein.
Bild: Friedhof Ohlsdorf, Familiengrab Falke
Friedhof Ohlsdorf, Familiengrab Falke
Bild: Friedhof Ohlsdorf, Kissenstein Gustav Falke beim Familiengrab FalkeRichard Josef Luksch ist im Familiengrab Falke mit der Grabnummer AC7, 109-113 beigesetzt. Man findet es, indem man von Grabkreuz Mohr ein wenig wieder zurück in Richtung Dichterhügel geht und dann rechts in etwa 20 m Entfernung vom Bach zwischen den Gräbern nach dem Kissenstein mit einer Schriftplatte für Gustav Falke sucht.
Bild: Kissensteine Ursula Falke-Luksch und Richard Josef Luksch
Kissensteine Ursula Falke-Luksch und Richard Josef Luksch

Oberhalb des einen Kissensteins für Gustav Falke liegen in einer Reihe fünf weitere Kissensteine. Die beiden rechten Kissensteine beziehen sich auf Richard Josef Luksch und seine 1923 angeheiratete zweite Frau, Ursula Falke-Luksch (*23.3.1896; †25.10.1981). Sie war Tänzerin und hätte altersmäßig seine Tochter sein können. Der Kissenstein für ihre Schwester Gertrud Falke-Heller ist der mittlere Stein in der Reihe.

Das auf dem obersten Foto dieser Seite erkennbare Steckschild rechts neben dem Kissenstein für Gustav Falke erinnert daran, dass der Verein Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof e.V. die Sanierung der Familiengrabstätte unterstützt hat.


Das Grabmal für Detlev von Lilienchrons in Rahlstedt

Richard Josef Luksch (*23.1.1872 in Wien; †21.4.1936 in Hamburg) schuf die rosenstreuende Mädchenfigur auf dem Grab des Lyrikers Detlev von Liliencron (*3.6.1844 in Kiel; †22.7.1909 in Alt-Rahlstedt) auf dem Friedhof Rahlstedt. Dies ist eines der reizvollsten Grabdenkmale in ganz Hamburg.

Seine erste Frau Elena Luksch-Makowsky (*14.11.1878 in Sankt Petersburg; †15.8.1967 in Hamburg) war Bildhauerin und Malerin. Sie hat ihn um 31 Jahre überlebt. Sie wuchs in einer sehr gut betuchten Künstlerfamilie in praktisch paneuropäischer Umgebung auf. 1898 nahm sie ein Auslandsstipendium in München wahr. Dort lernte sie Richard Josef Luksch kennen. 1900 war die Heirat. Beide zogen nach Wien um. 1907 erfolgte der Umzug nach Hamburg, denn Richard Josef Luksch trat sein oben erwähntes Lehramt an.

Elena Luksch-Makowsky starb 88-jährig am 15.8.1967. Auch sie wurde in Ohlsdorf begraben (Grabnummer vor 2014 war AH21, 107. Grabstein aus Granit, etwa 1 m hoch und 59 cm breit mit dem Relief einer Mutter mit drei Kindern, von ihr selbst gefertigt). Auf der gleichen Grabstelle befand(befindet?) sich das Grab ihres ältesten Sohnes: Peter Luksch, Maler, *1901; †1988). Der Grabstein steht seit 2014 im Garten der Frauen.[Wikipedia, Elena Luksch-Makowsky,Abruf 30.5.2019] Die Schreibweise ihres Geburtsnamens wird unterschiedlich angegeben. Ich fand ihn auch unter Makowska, Mackowska, Makowskaja und Majakowskaja. Makowsky wird wohl richtig sein.

Von Elena Luksch-Makowsky stammt die Statue „Ein Frauenschicksal”. Eine Kopie der Statue wurde am 23.8.2019 im Stadtpark (Hamburg-Winterhude) aufgestellt. Siehe dazu weiter unten auf dieser Seite.

Gustav Falke (*11.1.1853 in Lübeck; †8.2.1916 in Hamburg) war Schriftsteller und Musiklehrer in Hamburg. Man findet Näheres über ihn in jedem besseren Lexikon. 1903 setzte ihm die Stadt Hamburg zu seinem fünfzigsten Geburtstag ein regelmäßiges, festes Gehalt aus. Dieser Ehrensold von 3000 Mark sicherte ihm fortan eine unabhängige schriftstellerische Existenz. Die satirische Zeitschrift „Kladderadatsch” verkündete daraufhin, dass es zu einem „Run” der „Dichter” auf die Stadt gekommen sei. Jeder Zug hätte Hunderte von ihnen in die Stadt gebracht. Er war mit Detlev von Liliencron befreundet.

Die Geschwister Gertrud Falke (*1891; †1984) und Ursula Falke (*1896; †1981) betrieben in Hamburg ab 1913 eine Schule für Modernen Tanz. Auch führten sie als Tanzpaar Bühnenauftritte und Gastspiele durch und beteiligten sich an den Künstlerfesten. Sie galten als die Stars der Hamburger Ausdruckstanz-Szene. Gertrud heiratete 1922 den Juristen Hermann Heller (*17.7.1891 in Teschen; †5.11.1933 in Madrid) und zog aus Hamburg fort. Nun startete Ursula eine Solo-Karriere. Richard Luksch entwarf für Ursula Falke Gesichtsmasken und Kostüme, die den Charakter ihrer Tänze verstärken sollten.


Die Statue „Ein Frauenschicksal” im Stadtpark
Von Elena Luksch-Makowsky stammt die lebensgroße Statue „Ein Frauenschicksal”. Die Statue wurde am 23.8.2019 im Stadtpark Hamburg-Winterhude aufgestellt. Die Statue bedarf einer Interpretation. Leider wurde der aufgestellten Statue keinerlei Interpretationshilfe beigegeben (Stand 11.5.2020).

Die Statue wurde 1913 vom Stadtparkverein bestellt. Im Stadtpark aufgestellt war sie ab 1926 [239, Anmerkung 65 auf Seite 338] bis Ende der 1970er-Jahre oder Anfang der 80er laut der weiter unten verlinkten Ansprache der Senatorin Dr. Dorothee Stapelfeld.

1926 fand die Statue im Stadtpark unter hohen Kastanien Aufstellung, ohne Anbindung an einen Bau oder einen angelegten Garten. Da die Fayence die nötige Wetterfestigkeit vermissen ließ, und von der Bildhauerin immer wieder von Moos und Algen gereinigt werden musste, sorgte ihr ältester Sohn, Peter Luksch, nach ihrem Tod dafür, dass sie in die Hamburger Kunsthalle gebracht wurde. Nachdem sie dort lange das Café Liebermann verschönerte, ist sie heute im Magazin eingelagert.[239, Seite 214]

Hinweis: Mir ist nicht klar, ob die 2019 im Stadtpark aufgestellte Statue das 1913 bestellte Exemplar oder ein Abguss davon ist.

Bild: Statue „Ein Frauenschicksal” im Stadtpark Hamburg-WinterhudeDie Statue steht auf einem runden Sockel. Sie besteht aus glasierter Keramik.

Die Statue sollte nicht nur von vorne betrachtet werden! Und man sollte nahe an sie herangehen.

Bild: Statue „Ein Frauenschicksal” im Stadtpark Hamburg-Winterhude
Bild: Statue „Ein Frauenschicksal” im Stadtpark Hamburg-Winterhude Bild: Statue „Ein Frauenschicksal” im Stadtpark Hamburg-Winterhude
Die Statue bedarf einer Interpretation: Sie soll die Rolle der Frau und Mutter in der Gesellschaft, ihr Ringen um Vereinbarkeit von Familie und Beruf und ihr Streben nach Selbstverwirklichung und gleichberechtigter Partnerschaft zeigen.(Vergl. die Rede der Senatorin Dr. Dorothee Stapelfeldt anlässlich Enthüllung der Statue am 23.8.2019).

Was der Kuckuck auf der rechten Schulter der Frau und die Kinder an den Füßen der Frau bedeuten sollen, steht ausführlich auf den Seiten 204 bis 217 von Athina Chadzis: Die Malerin und Bildhauerin Elena Luksch-Makowsky, Biografie und Werkbeschreibungen, Dissertation Universität Hamburg, Hamburg 2000 (PDF-Datei).

Fritz Schumacher hat die Statue in einer 1928 von der Oberschulbehörde herausgegebenen 40-seitigen Broschüre zusammen mit anderen Plastiken interpretiert:

Zitat aus Fritz Schumacher: Plastik im Freien; Versuche im Betrachten von Kunstwerken, Hamburg 1928, Seite 21, download am 1.11.2021 unter http://fritzschumacher.de/gesellschaft/wp-content/uploads/Plastik-im-Freien-1928-OCRkaum-opti-2.pdf

Der Einleitungstext zu der Broschüre beginnt mit: Die Oberschulbehörde und deine Lehrer Lehrer überreichen dir an dem Tage, der für dich den Eintritt in das werktätige Leben eröffnet diese Gabe.

Fritz Schumacher schrieb zu dieser Statue:

IV. „Frauenschicksal” von Elena Luksch-Mackowska.

Wenn man die weiße Figur auf leise angehügelter Rasenfläche unter den hohen Bäumen stehen sieht, kann man meinen, daß sie nur um ihres dekorativen Gesamteindrucks willen geschaffen sei. der streng zentrische Aufbau der Komposition gibt dem Werk durch seine Gebundenheit den Charakter eines architektonischen Zierstücks. Er steigert zugleich in bemerkenswerter Weise den Maßstab der Figur. Sie wirkt im Freien größer als ihre zierlichen wirklichen Abmessungen erwarten lassen.

Aber wenn man näher zusieht, bleibt die strenge Gebundenheit des Aufbaus nicht der entscheidende Eindruck. Im oberen Teil der Figur wird er durchbrochen durch die eigentümlich ausladenden Linien der Armbewegung dieser sitzenden Frau.

Und jetzt sehen wir es: Sollte der strenge Aufbau, in dem die Gruppe beginnt, vielleicht nur da sein um des Kontrastes willen mit dieser freien ganz persönlichen Bewegung im oberen Teil?

Wir haben vor uns eine in straffer Haltung sitzende Frau. Zwischen den Falten ihrer herabfließenden Gewänder blicken drei Kindergestalten heraus. Man sieht, es ist ihnen selbstverständlich, hier wohlgeborgen wie die Küchlein im Nest hocken zu können. Aber man sieht mehr, man sieht, daß die Frau durch diese Kinder fest am Boden gebunden ist. Sie kann nicht schreiten, wohin sie will, sie kann sich nicht bewegen, wie sie mag, das Leben der Mutter wird durch anderes Leben am Erdboden gefesselt. Ihr Haupt aber kann sie frei bewegen. Oben im Geistigen ahnen wir noch eine zweite Welt. Da hat ein Wundervogel sich auf die Schulter der Erdverbundenen niedergelassen, und mit einer Gebärde voll entsagungsvoller Sehnsucht lauscht sie einen Augenblick seinem Gesang.

Wir fühlen den Zwiespalt einer Frau, deren Seele mitfliegen könnte in das Reich der Phantasie und deren wirkliches Sein gebannt ist in die Ansprüche an ihre Mütterlichkeit: Frauenschicksal.

Was vermittelt uns diesen Einblick in ein feines seelisches Problem? Eine einzige, aus tiefer Empfindung geborene Gebärde.

Hinweis: Laut Wikipedia ist „Küchlein” eine im ostmitteldeutschen Sprachraum verwendete Bezeichnung für Küken.

Letztes Upload: 22.12.2021 um 18:38:22 • Impressum und Datenschutzerklärung