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Werner von Siemens:
Die Zwischenzeit (1880 bis etwa 1893) und danach bis 1898

Was die Weiterentwicklung der elektrischen Bahn betrifft, waren für Werner Siemens die Jahre nach der Gewerbeausstellung wohl ein Wechselbad.

Nur wenige Monate nach Inbetriebnahme der Lichterfelder Straßenbahn gelang es der französischen Siemens-Niederlassung, der Stadt Paris zur elektrischen Straßenbahn zu verhelfen. In Paris fand die erste elektrotechnische Weltausstellung statt.

Am 29.4.1882 folgte in Berlin die zweite elektrische Straßenbahn. Sie führte von Charlottenburg über Westend zum Spandauer Bock. Es war allerdings lediglich ein Probebetrieb mit zwei elektrischen Triebwagen auf der bereits vorhandenen Strecke. Die Strecke war mit einer doppelten Fahrleitung ausgestattet. Auf der Fahrleitung liefen 8-rädrige Wägelchen, die den Strom abnahmen. Sie wurden durch ein Schleppkabel vom Fahrzeug gezogen. Der doppelte Fahrdraht war an Telegrafenmasten angebracht und verlief seitlich neben dem Gleis. Das Schleppkabel war seitlich oben am Wagen angebracht. Im Betrieb traten elektrische Kontaktprobleme auf und die Wägelchen neigten zu Entgleisungen auf der doppelten Fahrleitung. 1883 wurde dieser elektrische Probebetrieb beendend. Siemens begann parallel mit der Erprobung des ersten Oberleitungsomnibusses „Elektromote”.

Bild: ElektromoteElektromote: Es handelt sich um einen ersten Oberleitungsbus. Er wurde ebenfalls am 29.4.1882 in Halensee (damals noch bei Berlin, jetzt in Berlin) auf einer 540 m langen Versuchsstrecke vorgeführt. Die Strecke befand sich in der Nähe des Bahnhofs Halensee und kreuzte den Kurfürstendamm. Die Stromentnahme erfolgte ebenfalls mit einem auf der doppelten Fahrleitung laufenden 8-rädrigen Wägelchen.

Nach sechs Wochen wurde dieser Versuchsbetrieb am 13.6.1882 eingestellt. Die Versuchsstrecke wurde bis zum 20.6.1882 wieder abgebaut.

(Textteil und Bild im Kasten: in Anlehnung an Wikipedia, Stichwort „Elektromote”, abgerufen 24.3.2010.)

1884 baute Offenbach am Main eine elektrische 6,7 km lange Straßenbahn nach Frankfurt Sachsenhausen. Der Strom wurde über eine Oberleitung aus zwei unten aufgeschlitzten Kupferrohren zugeführt.

In Amerika hatte bereits 1880 Thomas Alva Edison eine ähnliche Bahn wie Siemens auf der Berliner Gewerbeausstellung auf die Schienen gesetzt. Es wurden elektrische Lokomotiven gebaut, und ab 1884 breiteten sich in Amerika die Straßenbahnen rasch aus. So gab es 1884 drei Bahnen mit 13 Wagen, fünf Jahre später waren es 126 Bahnen mit über 2000 Wagen. Die Lieferanten waren die Sprague-Company und die Thomas-Houston-Company. Die Thomas-Houston-Company, aus der später die General Electric hervorging, wuchs rasch. Ihre deutsche Niederlassung, die Union-Electricitäts-Gesellschaft UEG, stellte 1890 einen Teil der Bremer Pferdebahn auf elektrische Oberleitung nach dem System Sprague um.

In Brighton (England) wurde bereits am 3.August 1883 eine 400 m kurze elektrische Kleinbahn mit 610 mm Spurweite in Betrieb genommen. Erbauer war Magnus Volk, der Sohn eines deutschen Einwanderers. Bereits 1884 wurde sie auf 1,3 km verlängert und auf 825 mm Spurweite verbreitert. Seit 1901 ist sie 2,5 km lang. Die „Volk's Electric Railway” ist noch heute in Betrieb und bei den Sommergästen sehr beliebt.

Die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) ging 1889 aus der Deutschen Edison-Gesellschaft hervor. Sie kaufte die Deutsche Straßen- und Lokalbahn AG auf und konnte 1890 in Halle an der Saale eine 6,5 km lange Straßenbahn bauen. Der Strom wurde per Oberleitung nach dem Sprague-System (Rollenstromabnehmer) zugeführt. Als Datum der Inbetriebnahme dieser ersten wirklich dauerhaften elektrischen Straßenbahn in Deutschland wird der 24.April 1891 angegeben.

Und Siemens? Siemens versuchte, zunächst wenig erfolgreich, eine Hochbahn in Berlin zu bauen.

Er reichte am 14. Februar 1880 den ersten Plan für eine elektrische Triebwagenbahn auf einem stählernen Viadukt auf jeder Straßenseite in 4,50 Meter Höhe über der Straße und 1 m Spurweite ein. Der Stadtbaurat lehnte ab.

Werner Siemens legte 1883 einen zweiten Hochbahn-Entwurf vor. Es war eine Hochbahn im Verlauf der Leipziger Straße in Berlin. Im Gegensatz zum ersten Entwurf sollte das Viadukt auf Portalbrücken in der Straßenmitte verlaufen. Auch dieser Entwurf wurde zurückgewiesen.

Budapest war die erste europäische Metropole, die sich gegenüber der elektrischen Straßenbahn wirklich aufgeschlossen zeigte. Siemens konnte daraus einen erheblichen kommerziellen Nutzen ziehen. Am 30.Juli 1889 wurde die erste Linie eröffnet. Bereits Ende 1892 hatte das von Siemens&Halske errichtete Budapester Straßenbahnnetz eine Ausdehnung von 11,9 km, und das sogar meist zweigleisig. Es waren 62 Wagen in Betrieb und es wurden 11 Millionen Fahrgäste pro Jahr befördert. Die Stromzufuhr erfolgte unterirdisch durch einen oben 3 cm breit geschlitzten Kanal von 28 mal 33 cm Querschnitt. Dies System wurde später durch Oberleitungen ersetzt.

1890 passierte etwas für Siemens Erfreuliches, und es war erneut Budapest: Budapest gab ihre Unterpflasterbahn in Auftrag. Diese Bahn soll 1896 zum 1000-jährigen Bestehen Ungarns fertig gestellt werden.

1891 zeigte es sich, dass die Berliner Mitbewerber nicht schliefen: Die „Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft” (AEG) reichte den Entwurf einer Untergrundbahn ein.

Auch dieser Entwurf wurde von der Stadt Berlin zurückgewiesen, aber die AEG wies die Zurückweisung zurück (!) und erklärte sich bereit, auf eigene Kosten einen Probetunnel zu bauen. Dafür bekam sie die Genehmigung

Ebenfalls 1891 reichte Siemens & Halske den dritten Entwurf ein. Es sollte eine Hochbahn auf Normalspur von der Warschauer Brücke zum Zoologischen Garten durch Pankow, Charlottenburg und Wilmersdorf werden, wobei die Trasse auf Viadukten in der Mitte der breiten Alleen führen sollte.

Diesmal trifft der Plan auf Zustimmung. Die Streckenführung wird verändert, denn die Bahnanlagen der Anhalter- und der Potsdamer Bahn zerschnitten den Süden Berlins in zwei Hälften. Die neue Hochbahn könnte durch eine Strecke über diese Bahnanlagen hinweg die beiden Hälften verkehrsmäßig verbinden. Am 22.Mai 1893 kommt die kaiserliche Baugenehmigung. Werner von Siemens hat diesen Erfolg nicht mehr erlebt, denn er war gut ein halbes Jahr vorher verstorben.

Quellen: [11] und [102]


Aus dem „Polytechnischen Journal”, Jahrgang 1898, Band 308/Miszelle 2 (S. 240):
Titel: Elektrische Bahnanlagen von Siemens und Halske.
Autor: Anonymus
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj308/mi308mi11_2

Dies nachfolgend gezeigte optisch veränderte Textdigitalisat des Polytechnischen Journals steht unter der Lizenz Creative Commons by-nc-sa 3.0. Weitere Informationen finden Sie in den entsprechenden Nutzungsbedingungen.


Elektrische Bahnanlagen von Siemens und Halske
Die Firma Siemens und Halske A.-G. hat soeben eine neue Zusammenstellung der von ihr ausgeführten elektrischen Bahnanlagen nach dem Stande vom Januar 1898 herausgegeben. Dem interessanten Bericht, der ein anschauliches Bild der Thätigkeit der Firma auf dem Gebiete des elektrischen Bahnbetriebes gibt, entnehmen wir Folgendes:

Die erste elektrische Bahn der Firma, die zugleich die erste öffentliche Personenbeförderungsbahn der Welt ist, wurde im Mai 1881 in Lichterfelde bei Berlin eröffnet. Dieser folgten in den Jahren 1883 und 1884 die Bahn in Mödling bei Wien und die von Frankfurt a. M. nach Offenbach; beide mit oberirdischer Stromzuführung mittels geschlitzter Röhren versehen, sind noch heute in unveränderter Form im Betriebe.

Trotzdem durch diese Bahnanlagen die Durchführbarkeit des elektrischen Bahnbetriebes sowohl in technischer wie in wirthschaftlicher Beziehung erwiesen war, konnte man sich in den nächsten Jahren in Deutschland, dem Geburtslande der neuen Zugkraft, nicht sogleich zu weiteren Bahnanlagen nach diesem System entschliessen, erst mit dem Jahre 1889, als Siemens und Halske die Budapester Stadtbahnen in Angriff nahm, begann eine regere Thätigkeit auf dem bisher in Europa noch fast unbekannten Gebiete.

Die Budapester Bahnen, deren Netz mit einer Gesammtlänge von 180 km in Europa jetzt nur durch die Hamburger Anlagen um wenige Kilometer übertroffen wird, bieten insofern ein erhöhtes Interesse, als bei ihnen 1889 zum ersten Mal die unterirdische Stromzuführung nach dem System Siemens und Halske mit gleich gutem technischen und finanziellen Erfolge in Anwendung gekommen ist. Zur Zeit sind in Budapest 59,5 km Gleis mit Unterleitung versehen.

Ausser diesen besitzt Budapest noch eine bis jetzt in Europa einzig dastehende Unterpflasterbahn, nämlich die im J. 1896 eröffnete Kaiser Franz Joseph elektrische Untergrundbahn.

Im Anfang der 90er Jahre wurde in rascher Aufeinanderfolge durch Siemens und Halske der elektrische Betrieb in Hannover, Dresden, Lemberg, Mülhausen i. E., in dem industriereichen Bezirk Bochum-Gelsenkirchen, in Bukarest, Gross-Lichterfelde und in Berlin eingeführt. Von den neueren Anlagen sind die Bahnen in Sarajewo, Basel, Kopenhagen, Bahia, Berlin-Charlottenburg, Oberhausen (Rheinland), Darmstadt und die nahezu vollendeten Bahnen in Olmütz, Wien und der Umbau und Ausbau des gesammten Trambahnnetzes in Graz zu erwähnen.

Auf diesen Bahnen sind über 1000 elektrische Motorwagen, zum Theil mit je 1, zum Theil mit je 2 Motoren ausgerüstet und eine grosse Anzahl Anhängewagen im Betrieb. Die zur Erzeugung des elektrischen Stromes für den Bahnbetrieb von Siemens und Halske in Benutzung genommenen Pferdestärken betragen 30000.

Zur Zeit sind im Bau bezieh. in Vorbereitung begriffen Strassenbahnanlagen in Berlin, im Kreise Bochum-Gelsenkirchen, in Waldenburg, Bonn, Hagen, Cassel, Frankfurt a. M., Düsseldorf-Crefeld, Wien, Budapest, Teplitz-Dux-Ossegg, Gloggnitz, Schottwien, Bozen-Gries, Meran-Obermais, Weimar und Peking-Ma-chia-pu.

Besondere Erwähnung verdient noch die von der Firma Siemens und Halske zur Zeit in Berlin in Angriff genommene elektrische Stadtbahn mit ihren Erweiterungslinien, die theils als Hochbahnen ausgeführt werden, theils als Unterpflasterbahnen nach dem Budapester Vorbilde.

Letztes Upload: 19.10.2020 um 06:07:12. Dieser Abruf erfolgte am 02.12.2020 um 16:26:57 Uhr.